Kenterpunkt

Glatte Wasseroberflaeche in einem engen Gezeitenkanal bei Stauwasser, die Tonne zieht keine Schleppfahne.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Der Kenterpunkt ist der Zeitpunkt, an dem ein Gezeitenstrom seine Richtung umkehrt und seine Fließgeschwindigkeit durch Null geht. Seeleute und Taucher nennen die kurze Phase um ihn herum Stauwasser oder Stillwasser. An Plätzen mit kräftigem Tidenstrom ist sie das einzige Fenster, in dem überhaupt getaucht wird — und sie lässt sich nicht aus der Gezeitentafel ablesen.

Was dort kentert

Das Lexikon der Geowissenschaften unterscheidet beim Tidestrom „grob in Flut- und Ebbestrom“ und bezeichnet als Kenterpunkte die Zeitpunkte, an denen die Strömung umschlägt, nämlich „wenn die Fließgeschwindigkeit durch Null geht“. Es benennt beide einzeln: den Ebbestromkenterpunkt und den Flutstromkenterpunkt. Zwischen ihnen liegt jeweils eine Stromrichtung, nicht ein Wasserstand — das ist der Unterschied, auf den es für den Tauchgang ankommt.

Warum er nicht mit Hoch- und Niedrigwasser zusammenfällt

Das ist der teuerste Irrtum bei der Planung. Die Gezeitentafel nennt Hoch- und Niedrigwasser, also Wasserstände. Der Kenterpunkt ist ein Ereignis des Gezeitenstroms, und beides liegt auseinander: „Sie fallen nicht mit dem Tidehoch- oder Tideniedrigwasser der Tidekurve zusammen.“ Dasselbe Lexikon beschreibt auch, warum: „Der Wasserstand steigt bereits während Ebbestrom und fällt bereits, während noch Flutstrom läuft.“

Für die Zeitabstände zwischen den Scheiteln der Tidekurve und den Kenterpunkten gibt es einen eigenen Begriff, den Kenterpunktabstand. Er ist örtlich verschieden. Und weil „Ebbedauer und Ebbestromdauer sowie Flutdauer und Flutstromdauer … in der Regel unterschiedlich groß“ sind, lässt er sich auch nicht durch eine feste Verschiebung ersetzen. Wer vom Hochwasser auf das Stauwasser schließt, rät.

Wie man den Kenterpunkt für einen Platz findet

Über die Seekarte. Die Ausbildungsunterlage des British Sub-Aqua Club zur Kartenarbeit verweist dazu auf die Gezeitenrauten der Karte: Man sucht die dem Platz nächstgelegene heraus und liest aus der zugehörigen Tabelle für jede Stunde vor und nach Hochwasser die Stromrichtung in Grad und die Stromstärke in Knoten ab, getrennt für Springzeit und Nippzeit. Im Beispiel der Unterlage steht eine Stunde nach Hochwasser der Wert Null, während die Spitze der Springstromstärke mit 0,7 Knoten etwa fünf Stunden nach Hochwasser liegt.

Für die Planung hält die Unterlage den Schritt ausdrücklich fest: „Where slack water is needed record the times of this to feed forwards into planning the timeline.“ Das Stauwasser ist also kein Nebenergebnis, sondern der Festpunkt, um den der Zeitplan des Tages gebaut wird — Anfahrt, Slippen, Einstieg, Ausstieg. Die Zahlen selbst kommen aus den örtlichen Gezeitentafeln oder dem Almanach; welchen Bezugshafen die Karte nennt, steht auf ihr. In der Deutschen Bucht tritt der Gezeitenstromatlas des BSH an die Stelle der Gezeitenrauten.

Wie lang das Fenster trägt

Eine allgemeine Dauer nennen weder das Lexikon der Geowissenschaften noch die BSAC-Unterlage. Beide beschreiben den Kenterpunkt als Durchgang durch Null, nicht als Zeitspanne; die BSAC-Tabelle zeigt lediglich, dass die Stunde um den Nullwert von Stunden mit Strom in jeweils anderer Richtung eingefasst ist. Wie breit das nutzbare Fenster ist, hängt damit am Platz und muss örtlich erfragt oder gemessen werden.

Warum der Kenterpunkt die Sicherheitsgrenze setzt

Weil die Zahlen, ab denen eine Strömung den Tauchgang bestimmt, klein sind. DAN hält für das Strömungstauchen fest: „Divers should not dive in currents greater than 1 knot without proper training and experience.“ Schon ein halber Knoten — von DAN mit 0,9 km/h angegeben — reicht aus, um in der Zeit, die das Ausblasen der Maske braucht, außer Reichweite der Abstiegsleine zu geraten. Bei zwei Knoten ist es nach DAN „challenging to keep your position steady just by kicking“. Wer die Stromstärke vor Ort abschätzen will, kann einen treibenden Gegenstand werfen und auszählen: Ein Knoten entspricht nach DAN 1,68 Fuß in der Sekunde.

Aus der Ausbildung

Als Tauchlehrer plane ich an Tidenplätzen die Tauchzeit, nicht den Tauchgang: Zuerst steht das Stauwasser, dann das Briefing, dann alles andere. Was dabei am häufigsten schiefgeht, ist nicht die Rechnung, sondern die Zeitreserve — eine Gruppe, die beim Kenterpunkt erst ins Wasser steigt, taucht den Rest des Tauchgangs gegen den anlaufenden Strom. Eine Oberflächenboje gehört an solchen Plätzen zur Mindestausrüstung, und der Ausstiegsweg wird in die Tauchgangsplanung gerechnet, nicht unter Wasser erfunden.

Quellen

Zur Quellenlage: Der Begriff ist meereskundlich und nautisch belegt, nicht tauchsportlich — eine Verbandsfundstelle, die den Kenterpunkt für Taucher definiert, liegt diesem Eintrag nicht zugrunde. Die BSAC-Unterlage ist Ausbildungsmaterial eines Verbandes zur Schnorchelausbildung und behandelt die Kartenarbeit, nicht das Gerätetauchen; ihre Zahlenbeispiele sind dort ausdrücklich als nicht verwendbare Beispiele bezeichnet. Die Umrechnung von Knoten in Kilometer je Stunde und Fuß je Sekunde stammt aus dem DAN-Beitrag.

Ist der Kenterpunkt dasselbe wie Hochwasser?
Nein. Hochwasser ist ein Wasserstand, der Kenterpunkt ein Ereignis der Strömung. Das Lexikon der Geowissenschaften hält fest, dass die Kenterpunkte nicht mit Tidehoch- oder Tideniedrigwasser zusammenfallen: Der Wasserstand steigt bereits, während noch Ebbestrom läuft, und fällt bereits, während noch Flutstrom läuft.
Woher bekomme ich die Stauwasserzeit für meinen Tauchplatz?
Aus der Seekarte und den örtlichen Gezeitentafeln. Die BSAC-Unterlage beschreibt den Weg über die nächstgelegene Gezeitenraute der Karte, aus deren Tabelle Richtung und Stärke stundenweise vor und nach Hochwasser hervorgehen, getrennt für Spring- und Nippzeit. Für die Deutsche Bucht gibt es den Gezeitenstromatlas des BSH.
Ab welcher Strömung wird ein Tauchgang heikel?
DAN nennt einen Knoten als Grenze, oberhalb derer ohne entsprechende Ausbildung und Erfahrung nicht getaucht werden sollte. Schon ein halber Knoten, nach DAN 0,9 km/h, genügt, um die Abstiegsleine außer Reichweite zu bringen; bei zwei Knoten lässt sich die Position durch Flossenschlag kaum noch halten.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.