Der Kenterpunkt ist der Zeitpunkt, an dem ein Gezeitenstrom seine Richtung umkehrt und seine Fließgeschwindigkeit durch Null geht. Seeleute und Taucher nennen die kurze Phase um ihn herum Stauwasser oder Stillwasser. An Plätzen mit kräftigem Tidenstrom ist sie das einzige Fenster, in dem überhaupt getaucht wird — und sie lässt sich nicht aus der Gezeitentafel ablesen.
Was dort kentert
Das Lexikon der Geowissenschaften unterscheidet beim Tidestrom „grob in Flut- und Ebbestrom“ und bezeichnet als Kenterpunkte die Zeitpunkte, an denen die Strömung umschlägt, nämlich „wenn die Fließgeschwindigkeit durch Null geht“. Es benennt beide einzeln: den Ebbestromkenterpunkt und den Flutstromkenterpunkt. Zwischen ihnen liegt jeweils eine Stromrichtung, nicht ein Wasserstand — das ist der Unterschied, auf den es für den Tauchgang ankommt.
Warum er nicht mit Hoch- und Niedrigwasser zusammenfällt
Das ist der teuerste Irrtum bei der Planung. Die Gezeitentafel nennt Hoch- und Niedrigwasser, also Wasserstände. Der Kenterpunkt ist ein Ereignis des Gezeitenstroms, und beides liegt auseinander: „Sie fallen nicht mit dem Tidehoch- oder Tideniedrigwasser der Tidekurve zusammen.“ Dasselbe Lexikon beschreibt auch, warum: „Der Wasserstand steigt bereits während Ebbestrom und fällt bereits, während noch Flutstrom läuft.“
Für die Zeitabstände zwischen den Scheiteln der Tidekurve und den Kenterpunkten gibt es einen eigenen Begriff, den Kenterpunktabstand. Er ist örtlich verschieden. Und weil „Ebbedauer und Ebbestromdauer sowie Flutdauer und Flutstromdauer … in der Regel unterschiedlich groß“ sind, lässt er sich auch nicht durch eine feste Verschiebung ersetzen. Wer vom Hochwasser auf das Stauwasser schließt, rät.
Wie man den Kenterpunkt für einen Platz findet
Über die Seekarte. Die Ausbildungsunterlage des British Sub-Aqua Club zur Kartenarbeit verweist dazu auf die Gezeitenrauten der Karte: Man sucht die dem Platz nächstgelegene heraus und liest aus der zugehörigen Tabelle für jede Stunde vor und nach Hochwasser die Stromrichtung in Grad und die Stromstärke in Knoten ab, getrennt für Springzeit und Nippzeit. Im Beispiel der Unterlage steht eine Stunde nach Hochwasser der Wert Null, während die Spitze der Springstromstärke mit 0,7 Knoten etwa fünf Stunden nach Hochwasser liegt.
Für die Planung hält die Unterlage den Schritt ausdrücklich fest: „Where slack water is needed record the times of this to feed forwards into planning the timeline.“ Das Stauwasser ist also kein Nebenergebnis, sondern der Festpunkt, um den der Zeitplan des Tages gebaut wird — Anfahrt, Slippen, Einstieg, Ausstieg. Die Zahlen selbst kommen aus den örtlichen Gezeitentafeln oder dem Almanach; welchen Bezugshafen die Karte nennt, steht auf ihr. In der Deutschen Bucht tritt der Gezeitenstromatlas des BSH an die Stelle der Gezeitenrauten.
Wie lang das Fenster trägt
Eine allgemeine Dauer nennen weder das Lexikon der Geowissenschaften noch die BSAC-Unterlage. Beide beschreiben den Kenterpunkt als Durchgang durch Null, nicht als Zeitspanne; die BSAC-Tabelle zeigt lediglich, dass die Stunde um den Nullwert von Stunden mit Strom in jeweils anderer Richtung eingefasst ist. Wie breit das nutzbare Fenster ist, hängt damit am Platz und muss örtlich erfragt oder gemessen werden.
Warum der Kenterpunkt die Sicherheitsgrenze setzt
Weil die Zahlen, ab denen eine Strömung den Tauchgang bestimmt, klein sind. DAN hält für das Strömungstauchen fest: „Divers should not dive in currents greater than 1 knot without proper training and experience.“ Schon ein halber Knoten — von DAN mit 0,9 km/h angegeben — reicht aus, um in der Zeit, die das Ausblasen der Maske braucht, außer Reichweite der Abstiegsleine zu geraten. Bei zwei Knoten ist es nach DAN „challenging to keep your position steady just by kicking“. Wer die Stromstärke vor Ort abschätzen will, kann einen treibenden Gegenstand werfen und auszählen: Ein Knoten entspricht nach DAN 1,68 Fuß in der Sekunde.
Aus der Ausbildung
Als Tauchlehrer plane ich an Tidenplätzen die Tauchzeit, nicht den Tauchgang: Zuerst steht das Stauwasser, dann das Briefing, dann alles andere. Was dabei am häufigsten schiefgeht, ist nicht die Rechnung, sondern die Zeitreserve — eine Gruppe, die beim Kenterpunkt erst ins Wasser steigt, taucht den Rest des Tauchgangs gegen den anlaufenden Strom. Eine Oberflächenboje gehört an solchen Plätzen zur Mindestausrüstung, und der Ausstiegsweg wird in die Tauchgangsplanung gerechnet, nicht unter Wasser erfunden.
Quellen
- Lexikon der Geowissenschaften: Tidestrom — Definition der Kenterpunkte als Nulldurchgang der Fließgeschwindigkeit, Ebbestrom- und Flutstromkenterpunkt, Kenterpunktabstand, Versatz gegenüber der Tidekurve
- British Sub-Aqua Club: Chartwork and Site Selection (PDF) — Gezeitenrauten, Stromtabellen in Knoten für Spring- und Nippzeit, Stauwasserzeiten als Festpunkt des Zeitplans, Zwölftelregel für die Wasserstände
- DAN, Alert Diver: Current Dives — die Ein-Knoten-Marke, Wirkung eines halben Knotens, zwei Knoten als Grenze des Haltens durch Flossenschlag, Abschätzung mit einem treibenden Gegenstand
Zur Quellenlage: Der Begriff ist meereskundlich und nautisch belegt, nicht tauchsportlich — eine Verbandsfundstelle, die den Kenterpunkt für Taucher definiert, liegt diesem Eintrag nicht zugrunde. Die BSAC-Unterlage ist Ausbildungsmaterial eines Verbandes zur Schnorchelausbildung und behandelt die Kartenarbeit, nicht das Gerätetauchen; ihre Zahlenbeispiele sind dort ausdrücklich als nicht verwendbare Beispiele bezeichnet. Die Umrechnung von Knoten in Kilometer je Stunde und Fuß je Sekunde stammt aus dem DAN-Beitrag.
