Ein verpasster Dekompressionsstopp ist das Auftauchen an die Oberfläche, bevor eine vorgeschriebene Dekompressionsstufe abgesessen war — sei es, weil der Gasvorrat nicht reichte, weil ein Problem an der Ausrüstung dazu zwang oder weil der Taucher die Anzeige seines Computers zu spät gelesen hat. Anders als ein ausgelassener Sicherheitsstopp ist das kein verschenkter Sicherheitsgewinn, sondern eine überfahrene Grenze.
Die Abgrenzung, die zuerst kommen muss
Der Sicherheitsstopp ist freiwillig. Er liegt innerhalb der Nullzeit, und wer ihn auslässt, hat nach dem Modell, mit dem er getaucht ist, keine Grenze verletzt. Der Dekompressionsstopp ist das Gegenteil: Er ist Teil des Aufstiegs, den das Rechenmodell verlangt, damit der Taucher die Oberfläche ohne kritische Übersättigung erreicht. Fällt er aus, fällt ein Stück des Aufstiegsprofils aus.
Diese Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil die Folgen auseinanderliegen. Der ausgelassene Sicherheitsstopp ist ein Thema fürs Nachdenken an Bord. Der ausgelassene Dekompressionsstopp ist ein Thema für den Sauerstoff.
Warum die tiefen Stufen nicht die entbehrlichen sind
Auf Tauchlehrerprüfungen taucht regelmäßig die Frage auf, wie ein Taucher sich verhalten soll, dem das Gas ausgeht, während noch Dekompressionszeit auf mehreren Stufen aussteht. Die verbreitetste Antwort lautet, die tiefen Stufen wegzulassen und die verbleibende Zeit vollständig auf drei Metern zu verbringen — die Tabelle legt das nahe, weil die tiefen Stufen kurz und die flachste lang ist.
Der Tauchmediziner Claus-Martin Muth hält diese Antwort für falsch. Seine Begründung: Die Gewebe entsättigen so unterschiedlich, wie sie aufsättigen; die Staffelung der Stufen bildet genau das ab. Wird eine tiefe, vermeintlich unwichtige Stufe ausgelassen, kommt es schon in bestimmten Geweben zur kritischen Übersättigung — und damit zum Dekompressionsproblem, unabhängig davon, wie lange man anschließend auf drei Metern hängt. Gekürzt werden darf, wenn überhaupt, allenfalls die flachste Stufe.
Die Oberfläche ist erreicht — und jetzt?
Hier ist die deutschsprachige Tauchmedizin eindeutig. Muth hält fest, dass vom Vorliegen eines Tauchunfalls auszugehen ist, sobald Dekompressionsstufen ausgelassen wurden — ausdrücklich auch dann, wenn noch keine Beschwerden bestehen. Es muss unverzüglich reiner Sauerstoff geatmet werden, nach seiner Empfehlung über mindestens 30 Minuten. Treten unter dieser Maßnahme Symptome auf, folgt der schnellstmögliche Transport zu einer Behandlungsdruckkammer. Bleibt der Betroffene beschwerdefrei, soll er dennoch einem tauchmedizinisch erfahrenen Arzt vorgestellt und über 24 Stunden beobachtet werden.
Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ der GTÜM setzt denselben Schwerpunkt: „Die kausale Therapie des Tauchunfalles besteht in der Atmung reinen Sauerstoffs (FiO2 1.0, ‚100%‘).“ Und: „Die Verabreichung von 100% Sauerstoff soll ohne Pause bis zum Erreichen der Behandlungsdruckkammer weitergeführt werden.“ Ebenfalls mit starkem Konsens: „Taucherärztliche Telefonberatung soll erfolgen.“
Nachholen oder nicht — hier gehen die Quellen auseinander
Ein alter Ratschlag lautet, binnen weniger Minuten mit vollem Gerät erneut abzutauchen und die versäumte Stufe nachzuholen. Muth widerspricht: Eine Dekompression lasse sich nicht nachholen, weil die kritische Übersättigung bereits eingetreten sei; nötig wäre ein vollständiges Therapieschema, nicht das Absitzen der fehlenden Minuten. Und nüchtern betrachtet sei jedes erneute Abtauchen ein Wiederholungstauchgang, bei dem erneut Stickstoff aufgenommen wird.
Die Leitlinie trennt davon die nasse Rekompression als Behandlungsversuch und lehnt sie mit starkem Konsens ab: „Eine ‚nasse Rekompression‘ (In Water Recompression, IWR) soll nicht durchgeführt werden.“ Sie bleibt professionellen Teams mit entsprechender Ausbildung vorbehalten, wenn bei einem lebensbedrohlichen Tauchunfall eine Druckkammer nicht innerhalb weniger Stunden erreichbar ist.
Dem steht die Praxis des technischen Tauchens gegenüber, die für ausgelassene Dekompression ausgearbeitete Verfahren kennt. Die Schweizer Praktikerseite dekostop.ch gibt sie nach DSAT sowie nach US Navy und IANTD wieder und staffelt sie nach Lage: Lag der letzte Stopp bei höchstens sechs Metern und ist das erneute Abtauchen innerhalb einer Minute möglich, wird eine Minute zur geplanten Zeit addiert und die Dekompression fortgesetzt; gelingt das Abtauchen nicht in dieser Minute, wird das Anderthalbfache der geplanten Zeit gefahren. Lag der letzte Stopp tiefer als sechs Meter, sehen die Verfahren ein Abtauchen auf zwölf Meter und ein gestaffeltes Aufarbeiten der Stopps vor. Die Seite selbst nennt die Gefahr eines Dekompressionsunfalls „sehr hoch“, sobald alle Stopps ausgelassen wurden und die Dekompressionsverpflichtung mehr als zehn Minuten betrug, und verlangt bei mehr als zehn Minuten ausgelassener Dekompression das unverzügliche Auslösen der Notfallkette.
Beides nebeneinander zu stellen ist kein Widerspruch, den man auflösen müsste, sondern die tatsächliche Lage: Im Sporttauchen mit einem Taucher an der Oberfläche, ohne Gas, ohne Deko-Gemisch und ohne Team, das ein solches Verfahren begleiten könnte, ist Sauerstoff an der Oberfläche die Maßnahme, die die deutschsprachige Tauchmedizin nennt. Die gestaffelten Verfahren stammen aus einer Umgebung mit Reservegas, Stages und Oberflächenunterstützung.
Vorbeugen ist hier fast alles
Für die schlampige Variante — vergessene Kontrolle des Gasvorrats, keine Planung — gibt es nach Muths Urteil keine Entschuldigung. Er nennt daneben Ursachen, die nicht in der unmittelbaren Verantwortung des Einzelnen liegen: körperliche Probleme wie Übelkeit und Brechreiz, häufig Folge falsch durchgeführter Sparatmung, außerdem Panikattacken und Ausrüstungsprobleme.
Als Tauchlehrer rate ich zu drei Dingen, die alle vor dem Einstieg stattfinden: eine Gasplanung, die die Rückkehr einschließt und nicht nur den Hinweg; ein Umkehrdruck, der laut ausgesprochen wird, bevor das Boot ablegt; und die Fähigkeit, mit Tabelle, Uhr und Tiefenmesser sicher auszutauchen, wenn der Computer ausfällt. Muth nennt genau diesen Punkt: Das Tauchen mit Computer ist bequem, aber ein solches Gerät kann ausfallen.
Dieser Eintrag ersetzt keine ärztliche Beratung und keine Ausbildung. Nach einem verpassten Dekompressionsstopp gehört die Entscheidung über das weitere Vorgehen in die Hände eines tauchmedizinisch fortgebildeten Arztes; die Leitlinie sieht dafür die taucherärztliche Telefonberatung vor.
Quellen
- Claus-Martin Muth: „Deko-Stop ausgelassen – was nun?“ (PDF, DLRG Landesverband Westfalen) — Ursachen, die Widerlegung der Drei-Meter-Antwort, Tauchunfall auch ohne Symptome, Sauerstoff über mindestens 30 Minuten, Arztvorstellung und 24 Stunden Beobachtung, Ablehnung des erneuten Abtauchens.
- S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ (GTÜM, GMS 2023;21:Doc01) — 100 % Sauerstoff als kausale Therapie, ohne Pause bis zur Druckkammer, taucherärztliche Telefonberatung, Ablehnung der nassen Rekompression.
- dekostop.ch: Ausgelassene Dekompression und Nachgeholte Dekompression — die gestaffelten Verfahren nach DSAT und US Navy/IANTD, die Zehn-Minuten-Schwelle, Sauerstoff über mindestens 30 Minuten nach einer Rekompression.
Zur Quellenlage: Der Beitrag von Muth ist urheberrechtlich geschützt und wird hier nur als Fundstelle angeführt; er trägt kein Veröffentlichungsdatum und verweist auf Technik der neunziger Jahre, die Aussagen zur Gewebestaffelung und zur Sauerstoffgabe sind davon unberührt. Die Verfahrensangaben stammen von einer Praktikerseite, die sich ihrerseits auf DSAT sowie US Navy und IANTD beruft; die Originalhandbücher liegen diesem Eintrag nicht zugrunde, weshalb hier nur die Struktur der Verfahren und nicht die vollständigen Tabellen wiedergegeben ist. Die S2k-Leitlinie behandelt den beschwerdefreien Taucher nach ausgelassener Dekompression nicht als eigenen Fall; sie regelt den symptomatischen Tauchunfall.
