Ausfallschritt

Taucher verlässt mit einem weiten Schritt nach vorn die Heckplattform eines Tauchboots, die Hand an Maske und Atemregler.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Der Ausfallschritt – im englischen Sprachgebrauch Giant Stride – ist der Einstieg, bei dem der Taucher von einer festen, erhöhten Kante mit einem weiten Schritt nach vorn ins Wasser tritt, statt zu springen oder sich fallen zu lassen. Er ist der Standardeinstieg von Tauchplattformen, Stegen und größeren Booten und die erste Einstiegstechnik, die im Kurs sitzt.

Wie er ausgeführt wird

SSI beschreibt den Ablauf für den Einstieg vom Boot in dieser Reihenfolge: vollständig ausrüsten und den Buddy-Check durchführen; an die Einstiegskante treten und zum Wasser schauen; so viel Luft im Jacket haben, dass man an der Oberfläche positiven Auftrieb hat, ohne es ganz zu füllen; die rechte Hand aufs Gesicht legen, sodass sie Maske und Atemregler zugleich hält; mit der linken Hand den Bleigurt greifen, damit er nicht verrutscht; zum Horizont schauen; einen großen Schritt nach vorn machen. An der Oberfläche wird das Jacket vollständig aufgeblasen und das OK-Zeichen gegeben.

Warum ein Schritt und kein Sprung: Der Schritt muss weit genug sein, dass die Flasche im Rücken die Kante der Plattform frei bekommt – das nennt das Magazin Scuba Diving als den eigentlichen Zweck der Bewegung. Und er muss nach vorn gehen, nicht nach oben; die Fallhöhe soll klein bleiben.

Warum der Blick zum Horizont zählt

Das ist kein Stilhinweis. Wer im Moment des Schritts nach unten sieht, kippt den Kopf und damit die Maske; das Wasser trifft sie dann von vorn statt von unten, und sie kann sich lösen. Der aufrechte Oberkörper sorgt außerdem dafür, dass man senkrecht eintaucht und nicht vornüber. Dive Otter führt den Blick nach unten, einen zu kurzen Schritt und lose sitzende Ausrüstung als die typischen Fehler auf.

Die eine Regel, die vor allen anderen steht

Niemand tritt ins Wasser, bevor bestätigt ist, dass es unter der Einstiegsstelle frei ist – auch bei guter Sicht. Das ist die Kernaussage bei Dive Otter, und sie ist es aus gutem Grund: Ein Taucher mit Flasche, der aus anderthalb Metern Höhe auf einen anderen fällt, ist der schwerste Unfall, den eine Einstiegsstelle hergibt. Wer als Erster im Wasser ist, macht Platz und bleibt in Sichtweite; wer an Deck steht, sieht hin, bevor er freigibt.

Wann er nicht passt

SSI ordnet den Ausfallschritt größeren Booten, Safarischiffen und festen Einstiegen zu und hält ausdrücklich fest, dass er für kleine Boote wie Schlauchboote nicht geeignet ist. Dort gehört die Rückwärtsrolle hin: Der Taucher sitzt auf dem Schlauch mit dem Rücken zum Wasser und rollt rückwärts hinein. Der Grund ist die Bootsstabilität – ein Mensch mit Ausrüstung, der sich auf einem kleinen Boot aufrichtet und einen weiten Schritt macht, bringt es zum Schwanken.

Ebenfalls nicht geeignet ist der Ausfallschritt, wenn unmittelbar abgetaucht werden soll, etwa bei starker Oberflächenströmung oder hohem Wellengang. SSI nennt dafür den negativen Einstieg, bei dem ohne Luft im Jacket eingestiegen und sofort abgesunken wird.

Aus der Ausbildung

Als Tauchlehrer achte ich vor allem auf drei Dinge, und sie fallen alle vor dem Schritt an. Erstens: Flossen an, Maske auf dem Gesicht und nicht auf der Stirn, Automat im Mund – wer das erst im Wasser ordnet, hat es bei Welle nicht mehr in der Hand. Zweitens: Die linke Hand gehört auf den Bleigurt oder an die Jacketschnalle; sie hält das, was beim Aufprall verrutschen kann. Drittens: Ein kurzer Blick nach unten, bevor man sich an die Kante stellt – und danach nicht mehr.

Der häufigste Fehler in Kursen ist der zu zaghafte Schritt. Er endet damit, dass die Flasche die Kante streift oder der Taucher rückwärts kippt. Ein entschlossener, weiter Schritt ist der sicherere, auch wenn er sich beim ersten Mal falsch anfühlt.

Wie tief muss das Wasser unter der Einstiegsstelle sein?
Eine Zahl dafür nennen weder SSI noch Scuba Diving noch Dive Otter. Als Maßstab taugt die Einstiegshöhe: Je höher die Kante, desto tiefer taucht der Taucher beim Eintauchen ein. In der Praxis wird die Stelle vom Bootsführer oder von der Basis freigegeben, und über flachem Grund, über Plattformen oder über Bewuchs wird nicht eingestiegen.
Warum die rechte Hand auf dem Gesicht und nicht nur an der Maske?
Weil sie beides halten soll. SSI beschreibt die Handhaltung so, dass die Handfläche den Atemregler sichert und die Finger derselben Hand die Maske in Position halten. Beim Eintauchen wirken auf Maskenrand und Mundstück Kräfte in dieselbe Richtung; eine Hand, die nur die Maske hält, lässt den Automaten los.
Wie viel Luft gehört vor dem Ausfallschritt ins Jacket?
So viel, dass man an der Oberfläche positiven Auftrieb hat, aber nicht die volle Füllung – so formuliert es SSI. Ein prall gefülltes Jacket drückt beim Eintauchen gegen Brust und Kinn und erschwert es, den Automaten zu halten; ein leeres bringt einen nach dem Eintauchen nicht von selbst wieder an die Oberfläche.

Quellen

Zur Quellenlage: Nur eine der Fundstellen ist eine Verbandsveröffentlichung (SSI); die übrigen sind Fach- und Praktikerdarstellungen. Eine Mindestwassertiefe oder eine zulässige Einstiegshöhe nennt keine von ihnen. Entsprechende Beschreibungen von CMAS und PADI liegen diesem Eintrag nicht vor, weshalb als Verbandsquelle allein SSI steht.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.