Arterielle Gasembolie

Erstversorgung an Deck: Ein Taucher liegt in stabiler Seitenlage, ein Helfer gibt ihm Sauerstoff.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die arterielle Gasembolie (AGE) ist der Verschluss von Arterien durch Gasblasen, die beim Aufstieg aus der überdehnten Lunge in den Blutkreislauf gelangen. Sie ist die gefürchtetste Form des Tauchunfalls: Die Beschwerden setzen binnen Minuten nach dem Auftauchen ein, treffen meist das Gehirn — und sie kann bereits nach einem Tauchgang aus einem Meter Tiefe entstehen.

Wie Gas in eine Arterie kommt

Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ beschreibt den Vorgang nüchtern: Eine AGE entsteht, wenn komprimiertes Gas in der Lunge eingeschlossen wird und der Umgebungsdruck während des Aufstiegs sinkt. Das eingeschlossene Gas dehnt sich aus, die Alveolarkapillarmembran reißt, und Gas tritt in die Lungengefäße über. Von dort nimmt es den kurzen Weg: Lungenvenen, linkes Herz, Aorta — und mit dem arteriellen Blut in Gehirn, Herzkranzgefäße oder andere Endstromgebiete. Große intraarterielle Blasen führen nach der Leitlinie zu Arterienverschluss, Ischämie und Infarkt.

Das MSD Manual nennt als Auslöser Atemanhalten oder eine Atemwegsobstruktion während des Aufstiegs. Damit ist der häufigste Fall benannt, den ich in der Ausbildung immer wieder unterbinde: der Schüler, der beim überraschten Aufsteigen die Luft anhält.

Warum ein Meter reicht

Die Zahl überrascht viele: Sowohl die Leitlinie als auch das MSD Manual halten Aufstiege aus einer Tiefe von nur einem Meter für ausreichend. Der Grund liegt nicht in der Tiefe, sondern im Druckunterschied über der Lungenwand. Eine Alveole reißt nicht, weil viel Druck auf ihr lastet, sondern weil sie sich gegen ein verschlossenes Ventil ausdehnt — und dafür genügt eine geringe Differenz. Wer die Luft anhält, macht aus der Atemwegsöffnung genau dieses Ventil.

Praktisch heißt das: Die Regel „nie die Luft anhalten“ gilt im Schwimmbecken genauso wie auf vierzig Metern. Die flachen Meter sind die, in denen sie am ehesten vergessen wird.

Symptome und Zeitfenster

Nach dem MSD Manual treten die Beschwerden innerhalb weniger Minuten nach dem Auftauchen auf. Häufig sind Bewusstlosigkeit, oft mit Krampfanfällen, Halbseitenlähmung sowie andere umschriebene motorische oder sensible Ausfälle bis hin zu Schock und Tod. Genannt werden außerdem Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, Blutungen, Nierenversagen und zyanotische Hautveränderungen.

Das enge Zeitfenster ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal in der Praxis. Wer unmittelbar nach dem Auftauchen zusammenbricht, verwirrt ist oder einseitig ausfällt, hat bis zum Beweis des Gegenteils eine AGE.

Abgrenzung: AGE, DCS und DCI

Die Dekompressionskrankheit und die arterielle Gasembolie haben dieselbe Endstrecke, aber verschiedene Ursachen. Bei der DCS perlt gelöstes Inertgas aus dem Gewebe aus; bei der AGE stammt das Gas aus der Lunge und war nie gelöst. Deshalb ist die AGE auch nach kurzen, flachen Tauchgängen ohne jede Dekompressionspflicht möglich, während die DCS ein Profil mit Sättigung voraussetzt.

Weil sich beide am Unfallort nicht sicher trennen lassen und die Erstmaßnahmen ohnehin dieselben sind, fasst der Oberbegriff Decompression Illness (DCI) sie zusammen. Zum Lungenüberdruckunfall steht die AGE nicht im Gegensatz: Sie ist dessen schwerste Form. Ein Lungenüberdruckunfall kann auch als Pneumothorax oder als Emphysem enden, ohne dass Gas in den arteriellen Kreislauf gelangt.

Erstmaßnahmen

Die Leitlinie ist hier eindeutig und macht keinen Unterschied zwischen AGE und DCS:

  • Sauerstoff sofort und ohne Unterbrechung. „Sofortige Atmung von 100% Sauerstoff oder Atemgas mit dem höchsten verfügbaren Sauerstoffanteil“ — unabhängig davon, was beim Tauchgang geatmet wurde. Die Gabe wird bis zur Druckkammer fortgeführt.
  • Ruhig lagern, keine unnötige Bewegung. Bei Bewusstseinsstörung Seitenlage.
  • Keine Kopftieflagerung. Die früher gelehrte Schräglage mit tiefem Kopf ist ausdrücklich nicht mehr vorgesehen.
  • Trinken lassen, sofern die Person selbst trinken kann: 0,5 bis 1 Liter Flüssigkeit pro Stunde, isotonisch und ohne Kohlensäure. Alkohol ist kontraindiziert.
  • Keine nasse Rekompression. Ein erneutes Abtauchen zur Behandlung soll durch Laien und ohne besondere Ausbildung nicht durchgeführt werden.
  • Tauchmedizinischen Notruf absetzen und dabei das Stichwort „Tauchunfall“ nennen. Die aktuellen Rufnummern stehen in der Kurzfassung der Leitlinie, die unten verlinkt ist — sie gehören in jede Tauchtasche, nicht ins Gedächtnis.

Diagnose und Druckkammer

Die Diagnose wird nach dem MSD Manual klinisch gestellt, aus Tauchgangsverlauf und Untersuchung. Bildgebung darf die Behandlung nicht verzögern: Arterielles Gas ist nur uneinheitlich sichtbar, und sein Fehlen schließt eine AGE nicht aus. Wer auf einen Befund wartet, verliert Zeit, die das Gehirn nicht hat.

Die Behandlung ist die Rekompression in der Druckkammer. Die Leitlinie nennt als Standardtabelle die US Navy Treatment Table 6 mit einem initialen Behandlungsdruck von 280 kPa — unabhängig vom verwendeten Atemgas.

Vorbeugen

Die Vorbeugung ist bemerkenswert einfach und deshalb so leicht zu unterschreiten: gleichmäßig weiteratmen, den Aufstieg kontrolliert führen, den Atemregler bis über der Oberfläche im Mund lassen. Dazu kommt die medizinische Seite — Erkrankungen, die Luft in der Lunge einschließen können, sind ein zentrales Thema der Tauchtauglichkeit. Was im Einzelfall gilt, entscheidet der Taucherarzt; ich habe hier keine Bewertung vorzunehmen und nehme sie auch nicht vor.

Hinweis: Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Begriff und ersetzt weder eine Ausbildung in Erster Hilfe noch ärztlichen Rat. Bei Verdacht auf einen Tauchunfall gilt: Sauerstoff geben, Notruf absetzen, Stichwort „Tauchunfall“.

Kann eine Gasembolie auch ohne Dekompressionspflicht auftreten?
Ja, und das ist der Kern des Unterschieds zur Dekompressionskrankheit. Das Gas stammt bei der AGE aus der Lunge und nicht aus gesättigtem Gewebe. Leitlinie und MSD Manual halten deshalb schon Aufstiege aus einem Meter Tiefe für ausreichend. Ein eingehaltener Nullzeittauchgang schließt eine AGE nicht aus.
Woran erkenne ich den Unterschied zwischen AGE und Dekompressionskrankheit?
Am Unfallort gar nicht sicher — und man muss es auch nicht. Der wichtigste Anhaltspunkt ist die Zeit: Die AGE zeigt sich nach dem MSD Manual innerhalb weniger Minuten nach dem Auftauchen, oft dramatisch mit Bewusstlosigkeit oder Halbseitenlähmung. Die Erstmaßnahmen sind nach der Leitlinie in beiden Fällen dieselben, und der Oberbegriff DCI fasst sie genau deshalb zusammen. Die Unterscheidung trifft die Druckkammer, nicht der Helfer am Boot.
Warum soll man den Verletzten nicht mit tiefem Kopf lagern?
Die Kopftieflagerung war früher verbreitet — in der Vorstellung, Blasen so vom Gehirn fernzuhalten. Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ sieht sie nicht mehr vor und nennt stattdessen Ruhiglagerung, bei Bewusstseinsstörung die Seitenlage. Wer noch nach der alten Regel ausgebildet wurde, sollte das gezielt korrigieren; es ist einer der Punkte, an denen älteres Kurswissen und aktuelle Leitlinie auseinandergehen.

Quellen