ZH-L16 ist das Dekompressionsmodell von Albert A. Bühlmann, nach dem die meisten Tauchcomputer und viele gedruckte Tabellen rechnen. Es bildet Aufnahme und Abgabe von Inertgas in sechzehn Rechenkompartimenten mit eigenen Halbwertszeiten ab und ordnet jedem ein Paar Koeffizienten zu, aus dem folgt, wie viel Übersättigung dieses Kompartiment in einer gegebenen Tiefe verträgt.
Was der Name bedeutet
Das CMAS-Fact-Sheet zu Bühlmann löst die Abkürzung auf: „ZH for Zürich; L for Linear (not ,limit‘ as it is sometimes written)“. ZH steht also für Zürich, wo Bühlmann ab 1960 im hyperbarmedizinischen Labor arbeitete, das L für den linearen Zusammenhang zwischen Umgebungsdruck und toleriertem Inertgasdruck. Veröffentlicht wurde das Modell 1983.
Bei der 16 wird es interessant. Die meisten lesen sie als „sechzehn Gewebe“. Das CMAS-Fact-Sheet bezieht sie ausdrücklich auf etwas anderes, nämlich auf „the number of pairs of different coefficients a and b (M-Values)“. Beides beschreibt dieselben sechzehn Zeilen der Tabelle: Zu jedem Kompartiment gehört genau ein Koeffizientenpaar. Die Zählung ist nur von der anderen Seite aufgezogen.
Die sechzehn Kompartimente sind keine Organe
Der Schweizer Praktikerseite dekostop.ch zufolge arbeitet das Modell mit „16 unterschiedlichen Kompartimenten“, die als „modellhafte Gewebe, die aber nicht mit tatsächlichen Geweben übereinstimmen“ beschrieben werden. Das ist der Punkt, an dem ältere Kursunterlagen regelmäßig danebenliegen. Wer liest, Kompartiment 5 sei „das Fettgewebe“ und Kompartiment 2 „das Blut“, liest einen Fehler. Ein Kompartiment ist eine Rechengröße mit einer Halbwertszeit, sonst nichts.
Die Spannweite dieser Halbwertszeiten reicht nach dekostop.ch von 4 Minuten beim schnellsten bis 635 Minuten beim langsamsten Kompartiment. ⚠️ Diese beiden Zahlen stammen aus einer Praktikerquelle, nicht aus einer Verbands- oder Buchfundstelle. Die Leiter der Sättigung selbst ist dagegen schlichte Exponentialrechnung: 50 Prozent nach einer Halbwertszeit, dann 75, 87,5, 93,75, 96,9 und nach sechs Halbwertszeiten 98,4 Prozent — ab dort gilt ein Kompartiment als gesättigt.
Praktisch heißt das: Ein kurzer tiefer Tauchgang treibt die schnellen Kompartimente hoch und lässt die langsamen fast unberührt; ein langer flacher Tauchgang macht es umgekehrt. Welches Kompartiment gerade die Aufstiegsfreigabe bestimmt, wechselt im Verlauf eines Tauchgangs.
Die Koeffizienten a und b
Jedes Kompartiment trägt ein Paar Koeffizienten. Aus ihnen folgt der M-Wert, also der Inertgasdruck, den dieses Kompartiment bei einem gegebenen Umgebungsdruck gerade noch verträgt. Das CMAS-Fact-Sheet schreibt ihn so:
M0 (bar) = a + (Patm/b) · Delta M (bar/m) = 1 / (b × 10)
dekostop.ch notiert dieselbe Gerade von der anderen Seite als p(tol) = p(amb) × (1/b) + a. Beides ist dieselbe Geradengleichung — genau dafür steht das L im Namen. Ein kleineres a bedeutet weniger tolerierte Übersättigung und damit ein konservativeres Modell. Und: Schnelle Kompartimente vertragen mehr Übersättigung als langsame.
A, B und C sind nicht dasselbe
Die drei Fassungen unterscheiden sich nach dem CMAS-Fact-Sheet nur im Koeffizienten a:
- ZH-L16 A — „later version that served as a trial (beta version or ,theoretical‘ version)“.
- ZH-L16 B — „used to publish printed diving tables“, mit gegenüber A verringertem Koeffizienten a.
- ZH-L16 C — „for use in dive computers“, mit verringertem a für die Kompartimente von 27 bis 498 Minuten.
Wer wissen will, warum eine gedruckte Dekompressionstabelle und ein Tauchcomputer verschiedene Nullzeiten zeigen, findet hier den ersten Teil der Antwort.
Helium
Für Heliumgemische rechnet das Modell mit eigenen Halbwertszeiten. Das CMAS-Fact-Sheet beschreibt den Weg so: „Bühlmann divided the half-times in nitrogen (N2) by 2.645, corresponding to the ratio of the molecular weight of nitrogen to that of helium“. ⚠️ An dieser Stelle ist die Formulierung des Fact-Sheets ungenau, und ich sage das lieber, als es zu glätten: Das Verhältnis der Molekülmassen von Stickstoff zu Helium ist 28 zu 4, also 7. Der Faktor 2,645 ist dessen Quadratwurzel — die in der Diffusionsrechnung übliche Größe. Das ist meine eigene Lesart der Zahl, keine Aussage der CMAS.
Was ZH-L16 nicht ist
Gradientenfaktoren gehören nicht zum Modell. Sie sind eine spätere Zutat, die die Gerade des M-Werts absenkt. Die CMAS wird dazu sehr deutlich und nennt die vermeintliche Algorithmusvariante „ZH-L16C GF“ schlicht „a marketing invention“. Für Luft und Nitrox empfiehlt die CMAS in ihrem Fact-Sheet zu den Gradientenfaktoren, GF Low gleich GF High zu setzen, mindestens 90/90, bei Risikofaktoren 85/85 oder 80/80 — konservativ wird ein Profil also, indem man beide Werte gemeinsam absenkt, nicht indem man den unteren Wert allein herunterdreht.
Und ZH-L16 rechnet mit gelöstem Gas. Blasen kommen in ihm nicht vor. Modelle, die Blasenkerne mitrechnen, sind ein anderer Ansatz mit anderen Annahmen; sie lassen sich mit ZH-L16 nicht vermischen. Aus demselben Grund folgt aus ZH-L16 auch kein Argument für tiefe Stopps — die CMAS rät bei Luft und Nitrox ausdrücklich davon ab. Siehe dazu Deep Stop und Sicherheitsstopp.
Quellen
- CMAS, Fact Sheet „Bühlmann ZH-L“ — Notation, Varianten A/B/C, M-Wert-Formel, Heliumfaktor.
- CMAS, Fact Sheet „Gradient Factors and Dive Computers“ — Verbandsposition zu GF-Einstellungen.
- dekostop.ch, „Bühlmann ZH-L16: Inertgassättigung“ — Kompartimente, Halbwertszeiten, Sättigungsleiter. Praktikerquelle.
