Die Wiederholungsgruppe ist das Kennzeichen — meist ein Buchstabe —, das eine Dekompressionstabelle einem Taucher nach dem Auftauchen zuweist und das die rechnerisch noch im Körper verbliebene Stickstoffmenge abbildet. Sie verändert sich während der Oberflächenpause und bestimmt, welchen Zeitzuschlag der nächste Tauchgang bekommt. Ohne sie lässt sich mit einer Tabelle kein Wiederholungstauchgang planen.
Was der Buchstabe abbildet
Albrecht Salm beschreibt ihn auf divetable.info als „einfach ein Kennzeichen für eine berechnete (= angenommene) Stickstoffsättigung im Körper bzw. in einem sogenannten Kompartiment“. Ein CMAS-Ausbildungsskript aus Innsbruck nennt dasselbe kürzer einen „Gewebecode“. Entscheidend ist das Wort ein: Anders als ein Rechenmodell, das alle Kompartimente mitführt, stützen Tabellen ihre Gruppenzuweisung in der Regel auf ein einziges Gewebe — dasjenige, das die Tabellenmacher für den gedachten Einsatzbereich als begrenzend ansahen. Für die Bühlmann-Sporttauchertabellen von 1986 wird das 80-Minuten-Kompartiment genannt, für die Lufttabellen der US Navy von 1956 das 120-Minuten-Kompartiment, für den Recreational Dive Planner von DSAT das 60-Minuten-Kompartiment.
Daraus folgt unmittelbar das gröbste Missverständnis, das mir in Kursen begegnet: Das Raster ist bewusst grob. Salm rechnet vor, dass 39 m für 18 Minuten, 39 m für 21 Minuten und 42 m für 19 Minuten in derselben Tabelle alle dieselbe Gruppe ergeben.
Die drei Teile einer Tabelle
Eine Dekompressionstabelle für Wiederholungstauchgänge besteht aus drei zusammengehörigen Abschnitten. Der erste liefert zu Tiefe und Grundzeit die Nullzeit beziehungsweise die Dekostufen — und am Ende der Zeile die Wiederholungsgruppe. Der zweite ordnet der Kombination aus dieser Gruppe und der Länge der Oberflächenpause eine neue, niedrigere Gruppe zu. Der dritte übersetzt diese neue Gruppe zusammen mit der geplanten Tiefe in eine Zeit in Minuten, die der tatsächlichen Grundzeit des zweiten Tauchgangs zugeschlagen wird. Im deutschen Sprachraum heißt sie Zeitzuschlag, im angloamerikanischen residual nitrogen time.
Der VDST rechnet es in seinem Foliensatz zum DTSA* durch: Erster Tauchgang 27 Meter, 14 Minuten, Wiederholungsgruppe D. Nach zwei Stunden zwanzig Minuten Oberflächenpause ergibt sich ein Zeitzuschlag von 13 Minuten. Der zweite Tauchgang auf 18 Meter mit 30 Minuten realer Grundzeit wird deshalb mit einer „fiktiven“ Grundzeit von 43 Minuten in die Tabelle eingetragen und endet in Gruppe F. Dieselbe Unterlage nennt die beiden Randfälle: Ist die Oberflächenpause länger als die größte Zeitangabe der Tabelle, entfällt der Zuschlag; ist sie kürzer als die kleinste, handelt es sich gar nicht um zwei Tauchgänge, sondern um einen.
Die Buchstaben sind nicht übertragbar
Das ist der Punkt, an dem aus einer Bequemlichkeit ein Sicherheitsproblem wird. Schon die Zahl der Gruppen unterscheidet sich erheblich. Das US Navy Diving Manual führt in der Kopfzeile seiner Nullzeittabelle die Bezeichner A bis O sowie die Sondergruppe Z. Das Blatt DECO 2000 für Höhen von 701 bis 1500 Metern, herausgegeben vom VDST nach Max Hahn, kommt mit sechs Gruppen von B bis G aus. Für den Recreational Dive Planner nennen Ausbildungsportale die Spanne A bis Z.
Wie weit die Ergebnisse auseinandergehen, zeigt Salms Vergleich für denselben Ablauf — erster Tauchgang auf 18 Meter bis an die Nullzeitgrenze, dann eine Stunde Oberflächenpause, dann wieder 18 Meter. Die verbleibende Nullzeit für den zweiten Tauchgang beträgt danach 30 Minuten nach dem RDP, 11 Minuten nach NAUI, 6 Minuten nach SSI und nach DECO 2000, 8 Minuten nach der US-Navy-Fassung von 1983 und 2 Minuten nach der Fassung von 2008. Vom kleinsten zum größten Wert liegt ein Faktor von fünfzehn. Wer den Buchstaben aus einer Tabelle in eine andere trägt, rechnet sich also nicht ungenau, sondern beliebig.
Die GTÜM ordnet das ein: Die gebräuchlichen Tabellen verfügten „alle über ein vergleichbar hohes Sicherheitsniveau, wenn man sich an die für die einzelnen Tabellen zum Teil unterschiedlichen Rahmenbedingungen hält“ — großzügigere Vorgaben für den Ersttauchgang könnten durch enge Bestimmungen für Wiederholungstauchgänge ausgeglichen werden und umgekehrt. Genau deshalb gehört eine Tabelle als Ganzes benutzt, nicht in Teilen.
Wann man aus der Gruppentabelle herausfällt
Auch hier geben die Quellen verschiedene Zeiten an, und die Spanne ist groß. Die US Navy setzt die Grenze je Gruppe zwischen 2:20 Stunden für Gruppe A und 15:50 Stunden für Gruppe Z; danach ist der nächste Tauchgang kein Wiederholungstauchgang mehr. Das DECO-2000-Blatt für Höhen von 701 bis 1500 Metern endet bei zwölf Stunden. Die GTÜM stellt auf das Gleichgewicht ab: „Von einer kompletten Wiederherstellung des Fließgleichgewichtes für die N2-Sättigung der einzelnen Körpergewebe kann bei Sporttauchgängen in der Regel nach einer Tauchpause von 24 Stunden ausgegangen werden.“ NAUI definiert den Wiederholungstauchgang ebenfalls über 24 Stunden. Dick Clarke nennt bei DAN dagegen 12 bis 18 Stunden für die Ausscheidung des Überschusses — und stellt zugleich klar, dass Reststickstoff nie im Körper „gefangen“ bleibt.
Die GTÜM nennt außerdem zwei Größen, die in keiner Gruppentabelle stehen: Die Entsättigung ist „besonders während der ersten drei Stunden nach Tauchgangsende verzögert“, und nach spätestens sechs Tauchtagen wird ein freier Tag empfohlen.
Und der Tauchcomputer?
Ein Tauchcomputer braucht den Umweg über einen Gruppenbuchstaben nicht. Die GTÜM beschreibt seine Arbeitsweise so, dass er „in sehr kurzen Zeitabständen immer wieder die aktuelle N2-Sättigung verschiedener ‚Modell‘-Gewebe mit verschiedenen Sättigungshalbwertszeiten“ berechnet und den Stand abspeichert — die Restsättigung steht also fortlaufend als Zahlenwert im Gerät, statt am Ende des Tauchgangs auf einen Buchstaben gerundet zu werden. Der VDST hält im selben Atemzug fest, dass die Tabelle trotzdem beherrscht werden sollte, schon zur Planung und für den Fall eines Geräteausfalls.
Zwei praktische Folgen hat das. Erstens gilt der gespeicherte Stand für dieses Gerät und diesen Taucher: Ein Computer wird weder geteilt noch mitten in einer Tauchreihe gewechselt. Zweitens lässt sich eine Nullzeit in der Praxis nur mit einem Computer ausschöpfen — und auch das nur, wenn er schon beim ersten Tauchgang am Handgelenk war.
Quellen
- GTÜM: Dekompressionstabellen — Wiederholungstauchgang, 24-Stunden-Aussage, verzögerte Entsättigung in den ersten drei Stunden, freier Tag nach sechs Tauchtagen, Einordnung des Sicherheitsniveaus.
- GTÜM: Tauchcomputer — fortlaufende Berechnung der Modellgewebe nach denselben Algorithmen wie die Tabellen.
- Albrecht Salm, divetable.info: Dekompressionstabellen im Vergleich — Definition der Wiederholungsgruppe, Grobheit des Rasters, Zahlenvergleich der Restnullzeiten über sechs Tabellensysteme. Fachliche Praktikerseite, kein Verbandsmaterial.
- US Navy Diving Manual, Revision 6, Tabellen 9-7 und 9-8 (PDF) — Gruppen A bis O und Z, Ablesevorschrift, Zeitgrenzen, ab denen ein Tauchgang kein Wiederholungstauchgang mehr ist.
- DECO 2000, Blatt 701–1500 m ü. NN (Max Hahn, VDST) (PDF) — die Gruppen B bis G und die Oberflächenpausentabelle. Die Angabe „B bis G“ ist an diesem Blatt abgelesen; eine Textquelle, die sie ausformuliert, liegt nicht vor, für das Meeresblatt 0–700 m ist sie nicht belegt.
- TSV Österreich / TC Innsbruck (Helmut Zauchner): Dekompression (PDF) — „Gewebecode = Wiederholungsgruppe“, Zusammenhang von Oberflächenpause, Zeitzuschlag und kürzerer Restnullzeit. Vereinsskript.
- König/Lipp, Lehrbuch für Forschungstaucher, Kapitel 8 (PDF) — Einordnung von DECO 2000 als Standardtabelle der deutschen Verbände, Bedienung der Rückseite.
- DAN / Alert Diver: The Nitrogen Saturation Myth — 12 bis 18 Stunden bis zur Ausscheidung des Überschusses, im Gegensatz zu den 24 Stunden der GTÜM.
- Wikipedia: Decompression tables — Bezugskompartimente 80, 120 und 60 Minuten. Wiki; die Angaben stützen sich dort jeweils auf eine einzige Sekundärquelle (Huggins 1992), eine unabhängige Bestätigung liegt nicht vor.
- Die Spanne A bis Z für den Recreational Dive Planner stammt aus Ausbildungsportalen, nicht aus PADI-Material; eine verbandseigene Definitionsseite von PADI oder SSI zur Wiederholungsgruppe liegt nicht vor. Auch für DECO 2000 ist das zugrunde liegende Bezugskompartiment in den verwendeten Quellen nicht benannt.
