Die Nasennebenhöhlen sind luftgefüllte Hohlräume im Schädel, die über enge Gänge mit dem Nasenraum in Verbindung stehen und deshalb bei jeder Druckänderung mitgehen müssen. Solange diese Gänge frei sind, geschieht das von allein — anders als im Mittelohr, wo jeder Druckausgleich bewusst herbeigeführt wird. Ist ein Gang verlegt, wird aus dem stillen Mitläufer eine der schmerzhaftesten Stellen des Tauchgangs.
Welche Höhlen gemeint sind
Die Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) zählt vier Gruppen auf: die beiden Kieferhöhlen links und rechts der Nase im Oberkiefer, die Stirnhöhlen oberhalb von Nase und Augenhöhlen, die Keilbeinhöhle hinter der Nase und die Siebbeinzellen links und rechts der Nase oberhalb der Kieferhöhlen. Alle haben, so die GTÜM, „eine ständig geöffnete, knöcherne Verbindung zum Nasenraum“ und sind wie dieser mit Schleimhaut ausgekleidet.
Dazu kommen die Mastoidzellen hinter den Ohren. Sie stehen nicht mit der Nase, sondern mit dem Mittelohr in Verbindung — und teilen dessen Problem: Mittelohr und Mastoidzellen sind nach GTÜM „die einzigen Hohlräume im Kopf, die im Gegensatz zu allen anderen Nasennebenhöhlen keine ständig geöffnete Verbindung zum Nasen-Rachen-Raum besitzen“. Genau deshalb braucht das Ohr ein Druckausgleichsmanöver und die Stirnhöhle nicht.
Was beim Abtauchen passiert, wenn ein Gang zu ist
Verlegt eine Erkältung oder ein Schleimhautpolyp den Verbindungsgang, entsteht beim Abtauchen im Inneren der Höhle ein relativer Unterdruck. Die GTÜM beschreibt die Kette knapp: Der Unterdruck „bewirkt eine Schwellung der Schleimhaut“; reicht die dadurch erzielte Volumenverkleinerung nicht aus, „so kann es zur Einblutung in der Nasennebenhöhle kommen, bis der Druckausgleich hergestellt ist“. Der Körper füllt den fehlenden Raum also mit sich selbst — erst mit Gewebe, dann mit Blut.
Das MSD Manual nennt die Reihenfolge der Betroffenheit: Ein Barotrauma der Nasennebenhöhlen „betrifft am häufigsten die Stirnhöhlen, gefolgt von den Siebbeinzellen und den Kieferhöhlen“. Die Beschwerden reichen „von einem leichten Druck bis hin zu starkem Schmerz, zusammen mit einem Gefühl der Stauung in den betroffenen Nasennebenhöhlen und manchmal einer Epistaxis“ — also Nasenbluten. Der Schmerz sitzt dort, wo die Höhle liegt: über den Augen bei der Stirnhöhle, in der Wange bei der Kieferhöhle.
Und beim Auftauchen
Beim Auftauchen kehrt sich das Vorzeichen um. In der Höhle steht jetzt ein relativer Überdruck, und der arbeitet für den Taucher: Nach Darstellung der GTÜM kommt es dadurch „meistens zu einer Überwindung der Schleimhautblockade mit anschließendem Druckausgleich“. Das austretende Blut kann dabei ein kurzes Nasenbluten verursachen. Wer nach dem Tauchgang etwas Blut in der Maske oder im Schnorchel findet, hat dafür also eine naheliegende Erklärung.
Seltener ist der umgekehrte Fall, das inverse Barotrauma: Der Druckausgleich gelang beim Abtauchen noch, dann schwoll die Schleimhaut im Gang während des Tauchgangs an — die GTÜM nennt ausdrücklich die zunehmende Tauchzeit und die Auskühlung des Körpers als Ursache — und verschloss den Hohlraum. Der Überdruck entsteht dann ohne vorherige Einblutung, findet aber auch keinen einfachen Weg hinaus.
Die Nachbarschaft
Nebenhöhlen liegen dicht an Nerven und Augen, und das erklärt Beschwerden, die zunächst nicht nach Nase klingen. Das MSD Manual führt an, ein Überdruck in der Kieferhöhle könne „den maxillären Ast des N. trigeminus komprimieren und eine Hyperästhesie im Wangenbereich verursachen“; bei extremem Druck in der Keilbeinhöhle seien Sehstörungen möglich. Ein tauber oder überempfindlicher Wangenbereich nach dem Tauchgang gehört deshalb in ärztliche Hände und nicht ins Abwarten.
Was man dagegen tut
Das MSD Manual nennt abschwellende Mittel: „Dekongestiva (in der Regel Oxymetazolin-Nasenspray oder orales Pseudoephedrin) können helfen, verstopfte Kammern zu öffnen.“ Für die Vorbeugung gibt es dort eine ausdrücklich auf das Tauchen bezogene Angabe: Oxymetazolin 0,05 % Nasenspray, „jeweils 2 Sprühstöße pro Nasenloch zweimal täglich, beginnend 12 bis 24 Stunden vor dem Tauchgang“. Zur Behandlung nennt das Manual Antibiotika bei Blutung oder Erguss, Schmerzmittel und im schweren Fall die chirurgische Sinusdekompression.
Als Tauchlehrer sehe ich die Sache trotzdem von der anderen Seite. Ein abschwellendes Spray verschiebt das Problem in die Tiefe, wo seine Wirkung nachlassen kann und der Weg zurück an die Oberfläche nicht abkürzbar ist. Wer erkältet ist, taucht nicht — das ist die Antwort, die keine Nebenwirkung hat. Und wer unter Wasser merkt, dass der Druck in der Stirn steht, geht ein paar Meter höher und versucht es langsamer, statt sich hinunterzuzwingen.
Dieser Eintrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Schmerzen, Gefühlsstörungen im Gesicht, Sehstörungen oder wiederkehrendem Nasenbluten nach dem Tauchen gehört die Abklärung zu einem Arzt, möglichst zu einem tauchmedizinisch fortgebildeten.
Quellen
- GTÜM: Nebenhöhlen — die vier Gruppen der Nasennebenhöhlen, die Mastoidzellen, die Funktion als Resonanz- und Klimaraum.
- GTÜM: Barotrauma — ständig geöffnete Verbindung, relativer Unterdruck, Schleimhautschwellung und Einblutung, Überwindung der Blockade beim Auftauchen, inverses Barotrauma durch Auskühlung.
- GTÜM: Ohren — Mittelohr und Mastoidzellen als einzige Kopfhohlräume ohne ständig geöffnete Verbindung.
- MSD Manual: Barotrauma der Ohren und der Sinus — Häufigkeitsreihenfolge, Beschwerdebild mit Epistaxis, Kompression des N. trigeminus, Sehstörungen bei der Keilbeinhöhle, Dekongestiva und Prophylaxe.
Zur Quellenlage: Die Reihenfolge Stirnhöhlen – Siebbeinzellen – Kieferhöhlen steht allein im MSD Manual; die GTÜM nennt keine Häufigkeitsangabe. Die Prophylaxeangabe mit Oxymetazolin ist im MSD Manual ausdrücklich auf den Tauchgang bezogen und nicht auf das Fliegen. Eine Zahl dafür, wie oft ein Nebenhöhlenbarotrauma im Sporttauchen vorkommt, führt keine der beiden Quellen.
