Museo Atlántico: Europas erstes Unterwassermuseum vor Lanzarote ist offen

Kreis aus lebensgroßen Betonfiguren, die sich an den Händen halten, auf Sandgrund – die Unterwasserskulptur „Vicissitudes“ von Jason deCaires Taylor in Grenada
„Vicissitudes“, eine frühere Arbeit von Jason deCaires Taylor in Grenada (nicht das Museo Atlántico). Foto: SunCat, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vicissitudes,_Grenada_Underwater_Sculptures_(SunCat)_-_Flickr.jpg

Museo Atlántico auf einen Blick

  • Eröffnung: Offiziell eingeweiht am 10. Januar 2017 in der Bucht von Las Coloradas bei Playa Blanca im Süden von Lanzarote.
  • Umfang: Über 300 lebensgroße Skulpturen in 12 Installationen, dazu eine rund 100 Tonnen schwere Mauer von 30 Metern Länge und 4 Metern Höhe.
  • Tiefe und Fläche: Etwa 12 bis 14 Meter auf Sandgrund, rund 50 mal 50 Meter, also etwa 2.500 Quadratmeter.
  • Künstler: Jason deCaires Taylor, im Auftrag der Centros de Arte, Cultura y Turismo (CACT) des Cabildo de Lanzarote, kofinanziert von der Regierung der Kanaren.
  • Eintritt: 12 Euro für Gerätetaucher, 8 Euro für Schnorchler, Besuch nur über Tauchschulen, Aufenthalt auf eine Stunde begrenzt.
  • Riff-Idee: pH-neutraler Beton als Siedlungsgrund; 2 Prozent der Einnahmen sollen in Meeresschutz, Forschung und Umweltbildung fließen.

Vor der Südküste Lanzarotes liegt seit dieser Woche offiziell Europas erstes Unterwassermuseum. Am 10. Januar 2017 hat der Präsident des Cabildo, Pedro San Ginés, das Museo Atlántico in der Bucht von Las Coloradas eingeweiht. Wer hinwill, fährt vom Hafen Marina Rubicón bei Playa Blanca ein paar hundert Meter hinaus und taucht auf etwa zwölf bis vierzehn Meter ab. Dort unten stehen, sitzen und gehen mehr als 300 lebensgroße Figuren aus Beton, verteilt auf zwölf Installationen, auf einem Stück Sandgrund von rund 50 mal 50 Metern.

Gebaut hat das Ganze der britische Bildhauer Jason deCaires Taylor, der seit Jahren Figuren im Meer versenkt – in Grenada, vor Cancún und auf den Bahamas. Vor Lanzarote hat er auch großformatige Architektur unter Wasser gesetzt: eine Mauer von 30 Metern Länge und vier Metern Höhe, rund 100 Tonnen schwer. Die ersten Stücke liegen schon seit Februar 2016 am Grund, und genau das macht den Ort für uns Taucher spannend. Das Museum ist nicht nur eine Galerie, es ist ein künstliches Riff, das gerade erst anfängt zu wachsen.

Das Museum liegt auf zwölf bis vierzehn Metern in der Bucht von Las Coloradas

Die Angaben zur Tiefe schwanken je nach Quelle zwischen zwölf und vierzehn Metern. Die Inselpresse nennt „unos 12 metros“, der Künstler selbst und Euronews sprechen von 14 Metern, die Galerie Jonathan Levine Projects gibt 12 bis 14 Meter an. Das passt zusammen, denn eine Fläche von 2.500 Quadratmetern liegt nicht auf einer einzigen Tiefenlinie. Für die Planung heißt das: Es ist ein Flachwasserziel, das auch mit einem Einsteigerbrevet erreichbar ist und bei dem die Figuren von der Oberfläche aus bei guter Sicht zu erkennen sind.

Der Ort liegt in der Bahía de Las Coloradas, zwischen Playa Blanca und der Marina Rubicón. Ausgangspunkt für die Boote ist laut den Berichten zur Eröffnung die Marina Rubicón. Das Museum liegt innerhalb des UNESCO-Biosphärenreservats Lanzarote. Der Grund war vor dem Bau überwiegend Sand – in den Berichten zur Eröffnung ist von einem vorher kargen Meeresboden die Rede, auf dem sich wenig festsetzen konnte.

Betreiber sind die Centros de Arte, Cultura y Turismo, kurz CACT, also die Einrichtung des Cabildo, die auch Jameos del Agua, Cueva de los Verdes oder die Montañas del Fuego betreibt. Die Regierung der Kanaren hat mitfinanziert. Planung und Bau haben nach Angaben des Künstlers mehr als drei Jahre gedauert; die Inselpresse spricht von über zwei Jahren Bauzeit.

Über 300 Figuren in zwölf Installationen erzählen von Grenzen, Flucht und Gleichgültigkeit

Die Arbeiten von deCaires Taylor sind nie bloß Dekoration. Das bekannteste Werk vor Lanzarote dürfte „The Raft of Lampedusa“ sein: ein Schlauchboot mit dreizehn Flüchtlingsfiguren, die auf eine ungewisse Zukunft zutreiben. Das Motiv zitiert Théodore Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“. Der Künstler hat dazu gesagt, das Werk sei ausdrücklich nicht als Denkmal für die vielen verlorenen Leben gedacht, sondern als deutliche Mahnung an die Verantwortung der Weltgemeinschaft.

Die größte Einzelgruppe heißt „Rubicon“, in manchen Berichten „Crossing the Rubicon“. 35 Figuren in Alltagskleidung laufen auf die große Mauer zu, viele wirken abgelenkt, manche blicken auf ihr Telefon. In der Mitte der Mauer sitzt eine rechteckige Öffnung. Der Künstler nennt sie einen Punkt ohne Wiederkehr oder ein Portal in eine andere Welt. Dass jemand eine Mauer mitten ins Meer stellt, ist gewollt absurd: Nach seiner Aussage soll sie zeigen, dass Besitz und Territorien in der natürlichen Welt keine Rolle spielen – im Wasser, wo alles in Bewegung ist, erst recht nicht.

Dazu kommen weitere Gruppen. „The Human Gyre“ besteht aus über 200 lebensgroßen Figuren, die in einem großen Kreis wie ein Meereswirbel angeordnet sind und die Verletzlichkeit des Menschen gegenüber den Kräften des Ozeans darstellen sollen. „Deregulated“ zeigt Männer im Anzug auf einem Kinderspielplatz. „The Portal“ ist eine Figur zwischen Tier und Mensch mit einem Spiegel. Ein botanischer Skulpturengarten, der „Hybrid Garden“, greift mit Mischwesen aus Mensch und Kaktus die Pflanzenwelt der Insel auf. „Los Jolateros“ stellt eine traditionelle Bootsregatta der Insel nach, und „The Photographer“ ist eine Figur mit geschlossenen Augen – ein Kommentar darauf, wie wenig wir von der Welt um uns herum tatsächlich wahrnehmen.

Bei den Zahlen gehen die Quellen leicht auseinander. Der Künstler und die meisten Berichte sprechen von über 300 Figuren in zwölf Installationen, ein Reiseportal nennt fast 400. Die konservative Zahl – über 300 – ist die, auf die sich Betreiber und Künstler beziehen.

Die Skulpturen sind als künstliches Riff gebaut, nicht als Dekoration

Der entscheidende Punkt für Taucher ist das Material. Die Figuren bestehen aus pH-neutralem Meeresbeton, dazu Edelstahl, Basalt und Zuschlagstoffe. Dieser Beton gibt keine Stoffe ab, die Meerestiere schädigen, und seine raue Oberfläche bietet Algen, Schwämmen und anderen festsitzenden Organismen einen Halt. Auf einem Sandgrund, auf dem vorher kaum etwas siedeln konnte, entsteht so nach und nach Hartsubstrat – im Prinzip dasselbe, was ein versenktes Wrack leistet.

Die ersten Ergebnisse sind nach Angaben des Künstlers schon da. Bei den Arbeiten, die seit weniger als einem Jahr unter Wasser liegen, habe die marine Biomasse um mehr als 200 Prozent zugenommen. Genannt werden Engelhaie, Barrakudas, Sardinen, Kraken, Schwämme und Schmetterlingsrochen, die sich an und zwischen den Figuren eingefunden haben. Diese Zahl stammt vom Künstler und dem Betreiber selbst, eine unabhängige Studie dazu liegt zur Eröffnung nicht vor. Dass sich an neuen Hartstrukturen auf Sand schnell Leben ansammelt, ist aber nichts Ungewöhnliches.

Gerade der Engelhai ist ein Argument für den Standort. Dass Euronews und der Künstler ihn ausdrücklich unter den ersten Bewohnern nennen, ist für Taucher mindestens so interessant wie jede Figur. Ein am Boden liegender Hai auf Sandgrund zwischen Betonfiguren ist genau die Art Begegnung, bei der sich entscheidet, ob eine Gruppe ruhig taucht oder alles aufwühlt.

Für den Schutz ist auch Geld eingeplant. Zwei Prozent der Einnahmen des Museums sollen laut Cabildo in Projekte zum Schutz, zur Erforschung und zur Vermittlung der Meeresumwelt von Lanzarote und den Kanaren fließen. Das ist kein großer Betrag, aber es ist eine feste Zusage, an der man das Projekt später messen kann.

Eintritt kostet 12 Euro für Taucher und 8 Euro für Schnorchler

Allein und auf eigene Faust kommt niemand in das Museum. Die Inselpresse schreibt zur Eröffnung, dass man für den Zugang eine Qualifikation im Tauchen oder Schnorcheln braucht und deshalb über eine der Tauchschulen gehen muss. Das Museum hat die Aufenthaltsdauer auf eine Stunde festgelegt. Der Eintritt kostet 12 Euro für Gerätetaucher und 8 Euro für Schnorchler – das ist die Museumsgebühr, die Kosten für Boot, Guide und Ausrüstung der Tauchschule kommen dazu.

Die Galerie Jonathan Levine Projects, die deCaires Taylor vertritt, nennt dieselben Preise und die Marina Rubicón als Abfahrtshafen. Ein Reiseportal verweist für Buchungen auf das Tauchcenter in der Marina Rubicón und die offizielle Facebook-Seite des Museums. Wie viele Schulen genau zugelassen sind und wie die Zulassung abläuft, geht aus den Berichten zur Eröffnung nicht hervor. Sinnvoll ist es, bei der Buchung direkt nach der Museumsgebühr zu fragen, damit klar ist, ob sie im Preis enthalten ist.

Schnorcheln ist ausdrücklich vorgesehen. Bei zwölf bis vierzehn Metern Tiefe sieht man die Figuren von oben allerdings nur als Formen auf dem Sand, und wie gut das klappt, hängt ganz von der Sicht am jeweiligen Tag ab. Wer die Gesichter, die Details der Kleidung und den Bewuchs sehen will, muss abtauchen.

So tauche ich an Skulpturen und künstlichen Riffen

Ein Unterwassermuseum verführt dazu, sich wie in einer Ausstellung an Land zu verhalten: nah ran, anfassen, sich neben die Figur stellen fürs Foto. Genau das lasse ich bleiben. Die Figuren sind gebaut, damit sich Leben auf ihnen ansiedelt. Jede Berührung, jeder Handabdruck und jeder Flossenschlag gegen den Beton trifft genau die Organismen, für die das Ganze da ist. Die Richtlinien der US-Meeresschutzbehörde NOAA für das Florida Keys National Marine Sanctuary sagen es knapp: Kontakt mit dem Riff vermeiden, nicht auf dem Riff stehen oder sich abstützen, Abstand halten. Für ein junges künstliches Riff gilt das nicht weniger als für ein gewachsenes.

Das wichtigste Werkzeug ist die Tarierung. Das Museum liegt auf Sand, und Sand wird bei jedem unbedachten Flossenschlag aufgewirbelt. Dann ist nicht nur die Sicht für die ganze Gruppe weg, das Sediment legt sich auch auf den frischen Bewuchs. Ich tariere deshalb schon über dem Sand sauber aus, bevor ich zwischen die Figuren schwimme, und bleibe mit etwas Abstand über dem Grund. Die NOAA-Tipps nennen korrekte Tarierung und ausreichend Abstand ausdrücklich als Grundregel, dazu die richtige Bleimenge – wer überbleit ist, hängt mit den Flossen im Sand.

Zur Ausrüstung: Alles, was baumelt, gehört fest. Oktopus, Finimeter und Kameraband schleifen sonst über Figuren und Boden. Auch das steht so in den NOAA-Empfehlungen – Ausrüstung sichern und stromlinienförmig tragen. Handschuhe lasse ich in solchen Bereichen weg, die NOAA rät in Korallengebieten ausdrücklich davon ab.

Tiere sind hier Teil der Ausstellung. Wenn ein Engelhai zwischen den Figuren im Sand liegt, schaue ich aus Abstand und lasse ihn liegen. Tiere nicht berühren, nicht füttern, nicht jagen, keine Souvenirs mitnehmen – so fasst die NOAA das zusammen, und das gilt für einen Rochen am Kunstriff genauso wie für einen Fisch am Naturriff.

Die Stunde, die das Museum für den Aufenthalt vorgibt, klingt knapp, reicht aber für einen normalen Tauchgang auf dieser Tiefe. Ich plane die Runde deshalb vorher mit dem Guide: welche Installationen in welcher Reihenfolge, wo sich die Gruppe sammelt. Wer mit Kamera unterwegs ist, fotografiert aus der Schwebe und nicht im Knien auf dem Sand. Und wer schnorchelt, bleibt an der Oberfläche und stellt sich nicht auf die Figuren, um sich auszuruhen. Mit einer Schnorchelweste statt einer Poolnudel ist man laut NOAA ohnehin besser aufgehoben.

Das Museo Atlántico ist erst der Anfang eines wachsenden Riffs

Was man jetzt, im Januar 2017, sieht, ist ein Zwischenstand. Die älteren Stücke liegen knapp ein Jahr im Wasser, die jüngeren erst seit wenigen Wochen. Die Figuren werden sich verändern, zuwachsen und mit der Zeit anders aussehen als auf den Eröffnungsfotos. deCaires Taylor selbst sagt, er hoffe, das Museum sei ein Eingang in eine andere Welt und fördere ein besseres Verständnis der Meeresumwelt.

Für Taucher auf Lanzarote kommt damit zu den bekannten Plätzen ein Ziel dazu, das auch bei moderaten Bedingungen und mit wenig Erfahrung machbar ist und das bei jedem Besuch ein bisschen anders aussehen dürfte. Wer im Winter auf der Insel ist, hat jetzt einen guten Grund, einen Tauchgang im Süden einzuplanen – und sich dort so zu verhalten, dass aus den Figuren tatsächlich ein Riff wird.

Häufige Fragen zum Museo Atlántico

Wann wurde das Museo Atlántico eröffnet?
Die offizielle Einweihung war am 10. Januar 2017 durch den Präsidenten des Cabildo de Lanzarote, Pedro San Ginés. Die ersten Skulpturen liegen bereits seit Februar 2016 am Meeresgrund.
Wie tief liegt das Unterwassermuseum auf Lanzarote?
Das Museum liegt in etwa 12 bis 14 Metern Tiefe in der Bucht von Las Coloradas bei Playa Blanca, auf einer Fläche von rund 2.500 Quadratmetern.
Was kostet der Eintritt ins Museo Atlántico?
Zur Eröffnung kostet der Eintritt 12 Euro für Gerätetaucher und 8 Euro für Schnorchler. Boot, Guide und Ausrüstung der Tauchschule kommen hinzu.
Kann man im Museo Atlántico schnorcheln?
Ja, Schnorcheln ist vorgesehen. Wegen der Tiefe von 12 bis 14 Metern sieht man die Figuren von oben aber nur bei guter Sicht und ohne Details.
Darf man im Museo Atlántico ohne Tauchschule tauchen?
Nein. Der Zugang läuft über Tauchschulen, und der Aufenthalt im Museum ist auf eine Stunde begrenzt.

Quellen und weiterführende Links

Über Divemaster Tom 29 Artikel
Tom führt zu Tauchplätzen, Wracks und Tauchreisezielen und schreibt auf, was man vor Ort wissen muss: Einstieg, Bedingungen, Regeln. Lange Jahre Divemaster, heute SSI Open Water Scuba Instructor und CMAS-Tauchlehrer.

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