Immersionsdiurese bezeichnet die vermehrte Harnproduktion, die einsetzt, sobald der Körper ins Wasser eintaucht. Sie ist der Grund für den Harndrang, den fast jeder Taucher kennt, und sie beginnt bereits an der Oberfläche, nicht erst in der Tiefe. Was der Körper dabei ausscheidet, fehlt ihm hinterher als Flüssigkeit – und genau darin liegt ihre Bedeutung für den Tauchgang.
Was im Körper geschieht
Zwei Reize wirken zusammen. aqua med nennt als Auslöser „hauptsächlich … den Wasserdruck und Temperatur“: Der Druck des umgebenden Wassers und die kühlere Wassertemperatur engen die Gefäße in Armen und Beinen ein, und das Blut wandert von der Peripherie zum Körperstamm – eine „Zentralisation des Blutes“. DAN Europe beschreibt denselben Vorgang und formuliert, das Blut werde „von den Extremitäten ins Zentrum des Körpers (Herz, Lungen, große innere Blutgefäße) gepumpt“.
Der Körper deutet dieses zusätzliche Blut im Brustraum als Flüssigkeitsüberschuss. Nach aqua med signalisieren „die Druckrezeptoren … einen erhöhten Blutdruck, was wiederum eine Hemmung der Ausschüttung bestimmter Hormone auslöst (z. B. Vasopressin)“. PADI benennt die Folge: Mit weniger kreisendem antidiuretischem Hormon bilden die Nieren mehr Harn. Dieselbe Darstellung hält fest, dass die Reaktion häufig schon beim Eintauchen an der Oberfläche oder beim ersten Abtauchen beginnt, lange vor dem Erreichen der Tiefe.
Was den Effekt verstärkt
PADI nennt drei Umstände: kälteres Wasser, längere Tauchgänge und enge Tauchanzüge. Der Weg über die Kälte ist derselbe, der auch am Anfang von Hypothermie und Unterkühlung steht: Die Gefäße der Haut und der Gliedmaßen stellen sich eng, um Wärme im Kern zu halten.
Dazu kommt ein zweiter Weg, auf dem Flüssigkeit verlorengeht. DAN Europe weist darauf hin, dass die Luft in den Tauchflaschen trocken ist und die Lungen „aufgrund der kälteren Wassertemperaturen noch härter arbeiten müssen um die Luft zu erwärmen“. Beides erhöht den Feuchtigkeitsverlust über die Atmung. aqua med beziffert den Flüssigkeitsverlust durch die Atmung allgemein mit „ca. 400 ml/Tag“ und den täglichen Bedarf mit „mindestens 2,5 l/Tag“. Eine Zahl für den Verlust während eines einzelnen Tauchgangs nennen beide Dienste nicht.
Der Streitpunkt: Wie schwer wiegt die Dehydrierung?
Hier gehen die Quellen deutlich auseinander. aqua med stellt die Frage „Erhöht Dehydratation das Risiko einer Dekompressionserkrankung?“ und antwortet: „Die Antwort ist: eindeutig JA“. DAN gewichtet anders: Eine gute Hydrierung sei wichtig für die Gesundheit, „but for your dive profile, thermal stress and exertion level are far more important risk factors for DCS“. Tauchprofil, Wärmehaushalt und Anstrengung wiegen nach dieser Darstellung also schwerer als der Flüssigkeitsstand allein. Beide Aussagen stehen hier nebeneinander; für die Praxis ziehen sie in dieselbe Richtung, weil ausreichendes Trinken in beiden Fassungen richtig bleibt – es ersetzt nur kein zurückhaltendes Profil.
Zur Dekompressionskrankheit steuert dieselbe DAN-Darstellung einen Punkt bei, der unmittelbar mit dem Wärmehaushalt zu tun hat: Wer beim Abstieg warm ist, nimmt mehr Stickstoff auf; Wärme beim Aufstieg fördert dagegen die Abgabe. Das „cool-warm“-Muster – kühl hinunter, warm herauf – ist nach dieser Quelle das günstigere.
Was ich als Tauchlehrer daraus mache
Die falsche Antwort auf den Harndrang ist, vorher weniger zu trinken. PADI hält ausdrücklich fest, Taucher profitierten von gleichmäßiger Flüssigkeitszufuhr über den Tag, statt die Zufuhr einzuschränken. DAN Europe wird konkret: alle 15 bis 20 Minuten ein Glas Wasser, mindestens zwei Liter zusätzlich am Tag – und pro Flugstunde 240 Milliliter, eine Zahl, die am Rückflugtag neben der Oberflächenpause steht.
Im Kurs sage ich es so: Der Harndrang unter Wasser ist kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Er ist das normale Ergebnis des Eintauchens. Wer ihm durch Trinkverzicht zuvorkommen will, tauscht eine Unbequemlichkeit gegen ein Risiko.
Dieser Eintrag beschreibt einen körperlichen Vorgang und ersetzt keine ärztliche Beratung. Fragen zur eigenen Tauchtauglichkeit gehören zum Tauchmediziner.
Quellen
- aqua med: Dehydration und Tauchen – Definition der Immersionsdiurese, Zentralisation des Blutes, Hemmung des Vasopressins, die Antwort „eindeutig JA“ zur Dekompressionserkrankung und die Zahlen 400 ml/Tag und 2,5 l/Tag.
- DAN Europe: Hydrierung – Gefäßverengung und Blutverschiebung ins Zentrum, die trockene Flaschenluft, das Glas alle 15 bis 20 Minuten, zwei Liter zusätzlich und 240 ml je Flugstunde.
- PADI: Understanding Immersion Diuresis – die Rolle des antidiuretischen Hormons, der Beginn schon beim Eintauchen an der Oberfläche und die drei verstärkenden Umstände.
- DAN: Contributing Factors (Decompression Sickness) – die Gewichtung von Profil, Wärmehaushalt und Anstrengung gegenüber der Hydrierung und das „cool-warm“-Muster.
Zur Quellenlage: Eine deutschsprachige Leitlinie zur Immersionsdiurese liegt diesem Eintrag nicht vor; die Darstellung stützt sich auf zwei tauchmedizinische Dienste und einen Ausbildungsverband. Das Gewicht der Dehydrierung als Risikofaktor der Dekompressionskrankheit ist in den Quellen unterschiedlich beurteilt und hier nicht zusammengeführt. Die Angabe von 400 ml/Tag bezieht sich bei aqua med auf die Atmung allgemein, nicht auf das Tauchen.
