Tauchmedizinischer Notruf

Taucher kniet am Seeufer neben einem geoeffneten Sauerstoffkoffer und telefoniert mit einem Mobiltelefon.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Der tauchmedizinische Notruf ist der Anruf bei einer rund um die Uhr erreichbaren Beratungsstelle, die einen Tauchunfall fachlich einordnet und über die Dringlichkeit einer Druckkammerbehandlung entscheidet. Er tritt nicht an die Stelle des allgemeinen Rettungsdienstes, sondern kommt hinzu: Der Rettungsdienst holt den Patienten, die tauchmedizinische Stelle sagt, wohin er gebracht werden soll.

Zwei Anrufe, nicht einer

Bei einem Tauchunfall laufen zwei Stränge parallel. Der erste ist der gewöhnliche Rettungsweg: In Europa wird dafür die 112 gewählt. Der zweite ist der tauchmedizinische Notruf. Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) begründet ihn in einem Satz: Ein tauchmedizinisch fortgebildeter Arzt soll beraten, ob eine Druckkammerbehandlung erforderlich und wie dringlich diese ist. Diese Entscheidung kann eine Leitstelle, die am Tag zwei Verkehrsunfälle und einen Herzinfarkt disponiert, nicht treffen.

Deshalb ist der Anruf bei der Hotline kein Ersatz für die Erstmaßnahmen, sondern läuft neben ihnen: Sauerstoff geben, lagern, Flüssigkeit anbieten — und telefonieren lassen, von jemandem, der nicht am Patienten gebraucht wird. Was unter Erstmaßnahmen im Einzelnen zu tun ist, steht in der Kurzfassung derselben Leitlinie und im Eintrag zum Tauchunfall.

Die Nummern aus der Leitlinie

Die Kurzfassung der Leitlinie „Tauchunfall“ (2023) führt die folgenden Nummern:

Stelle Nummer
DAN-Hotline Deutschland und Österreich 00800 326 668 783 (00800 DAN NOTRUF)
DAN-Hotline Schweiz (über REGA) +41 333 333 333, innerhalb der Schweiz 1414
VDST-Hotline +49 69 800 88 616
Schifffahrtmedizinisches Institut der Marine +49 431 5409 1441
Taucherhotline von aqua med +49 421 240 110-10
DAN international +39 06 4211 8685 oder 5685

Die Leitlinie weist selbst darauf hin, dass eine aktuelle Liste auf der Internetseite der GTÜM steht. Nummern wechseln; die gedruckte Fassung im Logbuch ist deshalb eine Momentaufnahme und keine Dauerlösung.

Das Kennwort

Ein Detail, das in jedem Kurs unterschätzt wird: Die Leitlinie schreibt zu allen aufgeführten Nummern vor, das Kennwort „Tauchunfall“ anzugeben. Es steuert den Anruf an der Zentrale vorbei auf die richtige Schiene. Wer stattdessen von Rückenschmerzen und Kribbeln in den Beinen berichtet, bekommt die Antworten, die zu Rückenschmerzen gehören.

Was am Telefon passiert

DAN Europe beschreibt den Ablauf für die eigene Zentrale: Zuerst nimmt ein englischsprachiger Mitarbeiter der Alarmzentrale die Grundangaben auf — Name, Standort, Kontakte —, dann wird der Anruf, je nach Verfügbarkeit, an einen tauchmedizinischen Fachmann weitergeleitet, der die Sprache des Anrufers spricht; Unterstützung besteht in über zwanzig Sprachen. Für den schriftlichen Weg nennt DAN Europe dieselben drei Angaben: Standort, Beschreibung des medizinischen Problems, eine erreichbare Telefonnummer — keinen Messengerdienst.

Zum Unfallhergang gehören Tauchtiefe, Dauer, Symptome und die bisher ergriffenen Maßnahmen. Wer sein Profil aus dem Tauchcomputer ablesen kann, hat am Telefon einen erheblichen Vorteil.

Warum die Druckkammer nicht einfach angefahren wird

Die von der GTÜM geführte Liste der Notfallzentren nennt für Deutschland sieben Einrichtungen — in Halle, Berlin, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Aachen, Wiesbaden und Murnau. Fünf davon geben eine Vorwarnzeit von 30 Minuten an; zwei nennen keine Vorwarnzeit, bitten aber ausdrücklich um Anmeldung. Telefonische Beratung ist bei diesen Einrichtungen jederzeit verfügbar, und die Liste selbst warnt: Telefonische Anmeldung vor Anfahrt oder Flug zur jeweiligen Druckkammer ist in jedem Fall dringend anzuraten.

Eine Kammer, die niemand erwartet, ist eine Kammer ohne Team. Das ist der praktische Kern des ganzen Eintrags: Der Anruf organisiert die Behandlung, die Fahrt allein organisiert nichts. Was in der Kammer dann geschieht, steht unter Rekompression und Druckkammer.

Was davon in die Ausbildung gehört

Als Tauchlehrer halte ich zwei Dinge für wichtiger als das Auswendiglernen der Ziffern. Erstens: Die Nummern gehören dorthin, wo sie im Ernstfall greifbar sind — in das Handy jedes Teilnehmers, nicht nur in die Bordmappe der Basis. Zweitens: Es braucht eine Person, die telefoniert, und diese Person ist nicht die, die den Sauerstoff hält. Wer am Sauerstoffkoffer kniet, kann nicht gleichzeitig eine Ortsbeschreibung durchgeben. Die Rollenverteilung wird vor dem Tauchgang verabredet, nicht danach.

Dieser Eintrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf einen Tauchunfall gelten die Erstmaßnahmen der Leitlinie, und die Entscheidung über eine Behandlung trifft ein tauchmedizinisch fortgebildeter Arzt.

Erst 112 oder erst die Tauchhotline?
Beides, und der Rettungsdienst zuerst, wenn der Patient bedrohlich krank ist. Die 112 bringt Rettungsmittel in Bewegung; die tauchmedizinische Hotline klärt die Frage, in welche Klinik oder Kammer gefahren wird. Sind genug Helfer da, laufen beide Anrufe gleichzeitig.
Muss man DAN-Mitglied sein, um anzurufen?
Die Leitlinie führt die DAN-Nummern ohne eine solche Einschränkung auf und nennt daneben mehrere weitere Stellen — die VDST-Hotline, das Schifffahrtmedizinische Institut der Marine und die Taucherhotline von aqua med. Für Fragen der Kostenübernahme ist die eigene Versicherung die richtige Adresse, nicht die Notrufzentrale im Einsatz.
Was sagt man, wenn man die Symptome nicht einordnen kann?
Man beschreibt sie, ohne sie zu deuten: wann sie begonnen haben, was sich verändert hat, wie der Tauchgang verlief. Das Einordnen ist die Aufgabe der Gegenseite. Das Kennwort „Tauchunfall“ und das Tauchprofil zählen mehr als eine selbst gestellte Verdachtsdiagnose.

Quellen

Zur Quellenlage: Die Nummern stehen hier nach der Kurzfassung der Leitlinie von 2023. Die Leitlinie verweist für den jeweils aktuellen Stand auf die GTÜM-Seite; eine Nummer kann also jünger sein als diese Fassung. Die Liste der Notfallzentren ist eine laufend fortgeschriebene Verbandsseite, kein Dokument mit festem Stand.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.