Nord Stream: Was ein Tauchgang auf 80 Meter wirklich bedeutet

Technischer Taucher mit Doppelgerät, Stageflasche und Tauchcomputer hält sich beim Dekompressionsstopp an einer Leine im freien Wasser
Nach einem Mischgas-Tauchgang auf 60 Meter: Dekostopp an der Leine. Foto: D. Kesling / NOAA, gemeinfrei

Vier Jahre nach der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines steht in Hamburg der erste mutmaßliche Beteiligte vor Gericht. Der Prozess am Hanseatischen Oberlandesgericht hat am 14. Oktober 2026 begonnen. Für Juristen geht es um Völkerrecht und Kriegsrecht. Für uns Taucher steckt im Kern des Verfahrens eine ganz andere Frage: Wie taucht man mit Sprengladungen auf 80 Meter in der Ostsee – von einer gecharterten Segelyacht aus?

Das Szenario der Ermittler

Am genauesten beschreibt den angenommenen Ablauf ein Beschluss des Bundesgerichtshofs vom Dezember 2025. Danach waren sieben Personen an Bord der „Andromeda“, einer 15-Meter-Charteryacht: ein Koordinator, ein Skipper, ein Sprengstoffexperte und vier Tiefseetaucher. Zeugen haben bis zu sieben Personen an Bord gesehen. Zwischen dem 8. und dem 23. September 2022 sollen die Taucher vier Sprengsätze mit Zeitzündern an drei der vier Rohrstränge angebracht haben. Jeder Sprengsatz soll mindestens 14 Kilogramm gewogen haben. Der Sprengstoff war ein Gemisch aus Hexogen und Oktogen, Spuren davon fanden Ermittler später auf dem Kajütentisch der Yacht.

Nach Medienberichten über die Anklage waren es sogar sechs Sprengsätze. Die vier Taucher sollen drei Männer und eine Frau gewesen sein; die Taucherin soll nach Medienberichten mit 104 Metern den ukrainischen Frauenrekord im Sidemount-Tieftauchen halten. Von einer einzelnen Taucherin, die alles allein erledigt hat, gehen die Ermittler also nicht aus.

Die Bedingungen da unten

Die Rohre liegen an den Schadensstellen in 70 bis 80 Metern Tiefe. In der Ostsee heißt das: kein Licht, kaltes Bodenwasser, Sediment, das bei jeder Bewegung aufwirbelt. Ein Team der ARD ist 2024 mit Tech-Tauchern an eine der Schadensstellen getaucht. Die Andromeda, die es dafür zunächst gechartert hatte, gab es wieder ab: Bei Seegang schlug die Badeplattform so ins Wasser, dass ein auftauchender Taucher am Kopf getroffen werden konnte. Mit einem professionellen Tauchschiff und Sonar fanden die Taucher das Rohr erst beim zweiten Versuch. Jeder trug nach dem Bericht rund 100 Kilogramm Ausrüstung.

Was der Tauchgang an Deko kostet

Auf 80 Meter mit Luft zu tauchen, wäre lebensgefährlich: Der Sauerstoffpartialdruck läge bei rund 1,9 bar, dazu käme ein massiver Tiefenrausch. Realistisch ist Trimix. Ich habe mit dem Bühlmann-Modell ZHL-16C durchgerechnet, was das an Dekompression bedeutet. Annahmen: Trimix 15/55 als Bottom-Gas, EAN50 ab 21 Metern, Sauerstoff ab 6 Metern, Gradientenfaktoren 30/85, Abstieg 20 m/min, Aufstieg 9 m/min.

Tiefe / Grundzeit erster Stopp Deko gesamt Runtime
70 m / 15 min 39 m 31 min 54 min
70 m / 20 min 42 m 49 min 77 min
70 m / 30 min 45 m 92 min 130 min
80 m / 15 min 45 m 44 min 68 min
80 m / 20 min 48 m 67 min 96 min
80 m / 25 min 48 m 95 min 129 min

Wer schon einmal eine Stunde am Sauerstoffstopp gehangen hat, weiß, was das heißt. Und das ist ein einzelner Tauchgang. Vier oder sechs Ladungen an Stellen auf beiden Seiten Bornholms – allein die beiden Schadensstellen an Nord Stream 1 liegen rund 6,5 Kilometer auseinander – bedeuten mehrere Tauchgänge an mehreren Tagen, mit Reststickstoff und Resthelium von den Vortagen. Bei der Deko hängen die Taucher vermutlich frei an einer Leine, und oben muss die Yacht in der Nähe bleiben.

Gasmengen – und die Frage nach dem Helium

Bei einem Atemminutenvolumen von 30 Litern unter Arbeit braucht ein Taucher für 20 Minuten auf 80 Meter rund 6,5 Kubikmeter Bottom-Gas, mit Drittelreserve knapp 10 Kubikmeter. Ein Doppel-12er mit 230 bar fasst etwa 5,5 Kubikmeter. Offen getaucht reicht das also nicht; dazu kommen Stages mit EAN50 und Sauerstoff. Pro Taucher und Tauchgang sind über 5 Kubikmeter Helium nötig, für vier Taucheinsätze über 20 Kubikmeter – das sind mehrere große Heliumflaschen plus Sauerstoff plus ein Booster oder Kompressor zum Füllen und Mischen, alles an Bord einer Segelyacht.

Mit Kreislaufgeräten sähe die Rechnung ganz anders aus: Ein CCR verbraucht nur einen Bruchteil des Heliums, die Logistik schrumpft auf wenige kleine Flaschen. Welche Geräte die Taucher benutzt haben sollen, ist öffentlich nicht bekannt. Ebenso wenig habe ich irgendeine Angabe dazu gefunden, woher Helium und Sauerstoff stammten und wo gemischt wurde. Bekannt ist nur, dass nach der Rückkehr Tauchanzüge, Tauchflaschen und weitere Ausrüstung von Bord getragen und mit einem Kleinbus über Polen in die Ukraine gebracht wurden.

Die Ladung in der Hand

Eine 14-Kilo-Ladung aus Hexogen und Oktogen hat bei einer Sprengstoffdichte von etwa 1,8 unter Wasser noch rund 6 Kilogramm Abtrieb, das Gehäuse nicht mitgerechnet. Mit Wing und Trockentauchanzug ist das zu tarieren, aber nur mit Plan: Ladung am Leinensystem ablassen, mit Hebesack führen oder zu zweit tragen.

Dann muss sie an die richtige Stelle. Im Versicherungsprozess der Nord Stream AG vor dem High Court in London waren sich die Sachverständigen einig: Es waren gerichtete Hohlladungen, und sie saßen an den Rundschweißnähten. Die liegen alle gut zwölf Meter, und nur dort fehlt der Betonmantel. Das Rohr ist dabei nach Einschätzung eines Sachverständigen bis zu 80 bis 85 Prozent in den Meeresboden eingebettet. Ein Taucher muss also im Dunkeln die Naht an einem weitgehend eingesandeten Rohr finden und die Ladung so befestigen, dass sie hält, bis der Zeitzünder auslöst. Zwischen dem letzten möglichen Anbringen am 23. September und der Detonation am 26. September lagen mindestens drei Tage.

Von oben oder von unten?

Immer wieder liest man, die Rohre seien „von unten“ gesprengt worden. Belegt ist das nicht. Der Bundesgerichtshof hält fest, dass die Schadensbilder auf Sprengstoff außen am Rohr hindeuten. Bei einem zum großen Teil eingebetteten Rohr ist darunter ohnehin kaum Platz. Das Londoner Gericht hat sich eine Delle an Strang 2 von Nord Stream 1 in 76,9 Metern Tiefe genau angesehen. Es kam zu dem Ergebnis, dass dort wahrscheinlich eine an der Schweißnaht platzierte Ladung herunterfiel und neben dem Rohr detonierte. Der Krater daneben misst 1,9 mal 2,4 Meter. Ein Sachverständiger hielt ihn eher für das Werk von 2 bis 5 Kilogramm Sprengstoff als von 14 bis 27 Kilogramm. Ganz zusammen passen die Zahlen also noch nicht.

Machbar – aber nicht nebenbei

Mein Fazit als Taucher: Ein solcher Einsatz ist für gut ausgebildete Trimix-Taucher nicht unmöglich. Er ist aber ein echtes Expeditionsprojekt mit langen Dekozeiten, großer Gaslogistik und wenig Spielraum für Fehler – von einem Charterboot, das soweit bekannt weder Kran noch Druckkammer an Bord hatte. Wie genau das abgelaufen sein soll, muss jetzt das Gericht klären. Ich bin gespannt, ob dort Tauchcomputer, Logbücher oder Füllprotokolle auftauchen und welche Sachverständigen zur Tauchtechnik gehört werden. Ich bleibe dran.

Die Dekozeiten sind eine eigene Modellrechnung und kein Tauchplan. Wer so tief taucht, plant mit eigener Software und eigener Ausbildung.

Quellen: BGH, Beschluss vom 10.12.2025 – StB 60/25 · High Court London, Nord Stream AG v Lloyd’s (2026) · ARD/CBC, Tauchgang an der Schadensstelle

Über Divemaster Tom 29 Artikel
Tom führt zu Tauchplätzen, Wracks und Tauchreisezielen und schreibt auf, was man vor Ort wissen muss: Einstieg, Bedingungen, Regeln. Lange Jahre Divemaster, heute SSI Open Water Scuba Instructor und CMAS-Tauchlehrer.

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