Die Isopressionsphase ist der Abschnitt eines Tauchgangs, in dem der Umgebungsdruck gleich bleibt — der Aufenthalt auf Tiefe zwischen Abstieg und Aufstieg. Ihre Gefahren folgen nicht aus einer Druckänderung, sondern aus dem Druck selbst: Je tiefer und je länger, desto stärker wirken die Partialdrücke der Atemgase auf den Taucher.
Die mittlere der drei Druckphasen
Das Lehrbuch für Forschungstaucher von König und Lipp gliedert jeden Tauchgang nach dem, was der Umgebungsdruck tut: Kompressionsphase (Druck steigt), Isopressionsphase (Druck bleibt konstant), Dekompressionsphase (Druck sinkt). Dieselbe Dreiteilung benutzt die tauchmedizinische Fachliteratur: Muth und van Laak sprechen in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin von „der Phase konstanten Druckes (Isopressionsphase)“ und berufen sich dafür auf Melamed und Mitarbeiter.
Der Nutzen dieser Einteilung ist praktisch: Sie ordnet die Risiken. In der Kompressionsphase drohen Unterdruckbarotraumata, in der Dekompressionsphase der Tauchunfall. In der Isopressionsphase dagegen schadet das Atemgas — und zwar unabhängig davon, ob der Taucher gerade auf- oder abtaucht.
Was in dieser Phase wirkt
König und Lipp ordnen der Isopression die atemgasbedingten Vergiftungen zu. Sie hängen vom Partialdruck und von der Einwirkdauer ab, nicht von der Druckänderung:
- Sauerstoffvergiftung. Ein Sauerstoffpartialdruck über 1 bar gilt dort als hyperbarer Sauerstoff; bis 0,5 bar ist er zeitlich unbegrenzt verträglich. Bei 1,4 bar und mehr treten nass nach etwa zwei Stunden Lungenschäden auf. Als Grenzwerte im Tauchsport nennt das Buch 1,6 bar bei warmen Bedingungen ohne Anstrengung und 1,4 bar bei Kälte, Anstrengung und Stress.
- Sauerstoffmangel. Unter 0,16 bar zeigen sich die ersten Zeichen, bei 0,10 bis 0,12 bar Denk- und Konzentrationsschwäche, unter 0,10 bar Bewusstlosigkeit und Tod.
- Kohlendioxidvergiftung. Die Ausatemluft enthält etwa 4,5 Volumenprozent CO₂. Bei einem Kohlendioxidpartialdruck von 0,025 bar tritt Atemnot auf, bei 0,05 bar kommen starke Beschwerden hinzu.
- Kohlenmonoxidvergiftung. Sie stammt nicht aus der Tiefe, sondern aus der Füllung. Als Grenzwert für Atemluft nennt das Buch nach DIN EN 12021 15 ml/m³, das sind 0,0015 Volumenprozent.
- Stickstoffnarkose. Sie setzt nach derselben Darstellung ab etwa 30 Metern ein, bei manchen Tauchern schon ab 25 Metern, meist ab 40 Metern; ab 50 Metern zeigen alle Taucher Symptome. Die Empfehlung des Buches lautet, nicht tiefer als 40 Meter zu gehen.
Zwei dieser Größen werden in der Isopressionsphase zu Planungsgrößen: Der Sauerstoffpartialdruck legt die maximale Einsatztiefe des Gemisches fest, und die Nullzeit läuft genau hier ab — während der Grundzeit auf Tiefe, nicht beim Abstieg.
Der andere Blick der Tauchmedizin
Muth und van Laak gewichten diese Phase anders als das Lehrbuch. Gesundheitsstörungen während der Isopression führen nach ihrer Darstellung in der Regel zum Ertrinken oder Beinahe-Ertrinken; Panik könne außerdem unkontrollierte Notaufstiege auslösen, die dann zu dekompressionsbedingten Problemen führen. Aus notfallmedizinischer Sicht ist die Isopressionsphase also weniger die Phase der Gasvergiftung als die Phase, in der ein Zwischenfall seinen Anfang nimmt und sich in der folgenden Phase auswirkt.
Beide Lesarten widersprechen sich nicht, sie beschreiben verschiedene Enden derselben Kette. Für die Planung zählt der Partialdruck, für die Rettung der Verlauf.
„Variophase“ — der Einwand für Sporttaucher
Die Bezeichnung passt auf einen Berufstauchgang in fester Tiefe besser als auf einen Sporttauchgang. König und Lipp schlagen für Taucher mit häufigem Tiefenwechsel deshalb den Begriff Variophase vor und nennen als Sportbegriff dazu das Multi-Level-Tauchen. Ein Rechteckprofil durchläuft die drei Phasen genau einmal und hat eine echte Isopression; ein Profil mit mehreren Tiefenstufen hat sie streng genommen nie, sondern wechselt ständig zwischen Kompression und Dekompression.
Aus der Ausbildung
Als Tauchlehrer benutze ich diese Einteilung als Merkhilfe für die Frage „Worauf achte ich jetzt?“. Beim Abtauchen auf die Ohren, auf Tiefe auf Tiefe und Zeit, beim Aufstieg auf Geschwindigkeit und Stopps. Das klingt banal, aber es räumt eine typische Verwechslung auf: Wer glaubt, die Nullzeit habe etwas mit dem Aufstieg zu tun, plant falsch. Sie entsteht dort, wo der Taucher steht — in der Isopression. Und der zweite Punkt, den ich betone: Von den fünf Gasen dieser Phase ist eines vom Taucher gar nicht beeinflussbar, nämlich das Kohlenmonoxid. Das entscheidet die Füllstation, nicht der Tauchgang.
Hinweis: Dieser Eintrag ersetzt keine tauchmedizinische Beratung. Die genannten Grenzwerte stammen aus den angegebenen Quellen und sind keine Tauchfreigabe.
Quellen
- König/Lipp, Lehrbuch für Forschungstaucher, Kapitel 4 (PDF) — die Einteilung in Kompressions-, Isopressions- und Dekompressionsphase, der Vorschlag „Variophase“ und die Partialdruckwerte für Sauerstoff, Kohlendioxid, Kohlenmonoxid und Stickstoff.
- C.-M. Muth, U. van Laak: Symptomatik und Therapie des schweren Tauchunfalls, Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 53 (2002), Heft 6 (PDF) — die Dreiteilung in der tauchmedizinischen Fachliteratur und die notfallmedizinische Einordnung der Isopression.
Zur Quellenlage: Für die Nomenklatur der drei Phasen liegt diesem Eintrag keine Norm und keine Verbandsfundstelle zugrunde, sondern ein Hochschullehrbuch und eine Fachzeitschrift, die sich ihrerseits auf Melamed und Mitarbeiter beruft. Die Partialdruckwerte stammen aus dem Lehrbuch und sind dort ohne Angabe einer Norm genannt. Die beiden Quellen gewichten die Phase unterschiedlich — das Lehrbuch nach den Gaswirkungen, der Zeitschriftenbeitrag nach dem Unfallverlauf; der Eintrag führt beide Lesarten nebeneinander.
