Das Tauchprofil ist der Verlauf der Tiefe über die Zeit eines Tauchgangs: welche Tiefe wann erreicht wurde, wie lange sie gehalten wurde und wie der Aufstieg verlief. Es ist zugleich die Rechengrundlage der Dekompressionsmodelle und die Form, in der Tauchcomputer und Logbücher einen Tauchgang festhalten.
Warum das Profil zählt
Neal W. Pollock formuliert es für DAN in einem Satz, der die Bedeutung des Begriffs besser trifft als jede Definition: „The dive profile is the single most important determinant of the ultimate decompression risk of a dive.“ Das Profil ist also nicht eine Eigenschaft des Tauchgangs unter anderen, sondern diejenige, die über die Dekompressionsbelastung entscheidet. Tiefe und Zeit bestimmen Aufnahme und Abgabe des Inertgases; weitere Einflüsse wie Gasgemisch, Anstrengung und Temperatur treten hinzu.
Die vier Grundformen
Für die wiederkehrenden Formen haben sich eigene Namen eingebürgert, und jede hat hier einen eigenen Eintrag:
- das Rechteckprofil — Abstieg auf eine Tiefe, dort die gesamte Grundzeit, dann Aufstieg;
- das Mehrstufenprofil — die Grundzeit verteilt sich auf mehrere, nacheinander flacher werdende Abschnitte;
- das Sägezahnprofil — mehrfaches Auf und Ab innerhalb eines Tauchgangs;
- das Umkehrprofil — der tiefere Tauchgang folgt auf den flacheren oder der tiefste Abschnitt liegt am Ende.
Pollock spricht von den „square profiles of the past“: Mit einem Tauchcomputer lässt sich die Grundzeit staffeln, und das Mehrstufenprofil biete gegenüber dem Rechteckprofil „powerful advantages“. Die Richtung ist dabei vorgegeben — zuerst tiefer, dann in flachere Bereiche; im einfachsten Fall hinaus in die Tiefe und flacher zurück. Je größer die Maximaltiefe, desto wichtiger werde es, immer mehr Zeit in immer flacheren Tiefen zu verbringen.
Wo das Profil Sicherheit gewinnt
Den wirksamsten Hebel sieht Pollock nicht am Grund, sondern am Ende: „the most important decompression safety buffer is time spent in the shallow regions during ascent.“ Für viele Freizeittauchgänge rechnet er den Bereich flacher als etwa 25 Fuß — gut sieben Meter — dazu. Den Sicherheitsstopp bezeichnet er als die wichtigste Entwicklung der vergangenen dreißig Jahre und rät, ihn zu verlängern, soweit Gasvorrat und Bedingungen es zulassen.
Zu diesem Abschnitt des Profils gehört auch die Aufstiegsgeschwindigkeit.
Die Grenze der Faustregel
„Der tiefste Tauchgang zuerst“ ist die bekannteste Profilregel. Pollock behandelt sie ausdrücklich nicht als zwingend: Entscheidend sei die gesamte Inertgasaufnahme, und ein starres Festhalten an der Regel könne dazu führen, dass unnötig tiefe Tauchgänge gemacht werden. Woher die Regel stammt und was der Workshop von 1999 dazu ergab, steht im Eintrag zum Umkehrprofil.
Wo ein Profil endet und das nächste beginnt
Die Frage ist weniger trivial, als sie klingt, denn davon hängt ab, ob zwei Abschnitte als ein Profil oder als zwei gerechnet werden. Die DGUV Regel 105-002 bestimmt für das Tauchen in Hilfeleistungsunternehmen schlicht: „Ein Tauchgang ist ein zeitlich begrenzter, einmaliger Aufenthalt unter Wasser.“ Und weiter: „Wiederholungstauchgänge sind Tauchgänge, die in kürzeren Abständen als 12 Stunden aufeinander folgen.“ Für den Sporttaucher zieht diese Grenze der Tauchcomputer — über die Oberflächenpause, den verbleibenden Reststickstoff und bei Tabellen über die Wiederholungsgruppe.
Pollock warnt an dieser Stelle vor einem verbreiteten Denkfehler: Die zulässige Mindestpause tauge nicht als Maßstab. Wer kurze Oberflächenpausen nimmt, solle das folgende Profil entschärfen.
Das aufgezeichnete Profil
Seit Tauchcomputer den Tiefenverlauf speichern, ist das Profil nicht mehr nur eine Planungsgröße, sondern ein Datensatz. Alert Diver beschreibt für die Profildatenbanken von DAN, dass die Daten überwiegend aus Computer-Downloads stammen und „across variable time intervals (3 – 5 secs)“ erfasst werden — zusammen mit Gasgemisch, Auf- und Abstiegsgeschwindigkeiten, Dekompressionsstufen, Oberflächenpausen, Angaben zur Person und zu den Bedingungen. Der Umfang ist beträchtlich: Für die Datenbanken PDE und DSL nennt der Beitrag rund 137.000 Profile bei 105 Fällen von Dekompressionskrankheit, für die Datenbank des Los Alamos National Laboratory rund 2.879 Profile bei 20 Fällen, überwiegend technische Tauchgänge mit Mischgasen. Diese Sammlungen dienen dazu, Tabellen, Tauchcomputer und Software zu überprüfen; der Beitrag betont dabei: „the focus of Data Banks is operational diving, and not clinical tests.“
Für den einzelnen Taucher heißt das: Das Profil, das der Tauchcomputer speichert, ist feiner aufgelöst als jeder Eintrag, den man von Hand ins Logbuch schreibt.
Als Tauchlehrer
In der Ausbildung ist das Profil der Punkt, an dem Theorie und Praxis am weitesten auseinanderliegen. Geplant wird ein sauberes Mehrstufenprofil, getaucht wird häufig ein Sägezahn, weil die Tarierung im Riff noch nicht sitzt. Deshalb lasse ich Anfänger ihr tatsächliches Profil nach dem Tauchgang am Computer ansehen und mit dem vergleichen, was sie vorhatten. Der Unterschied erklärt mehr über Tarierung als jede Trockenübung.
Quellen
- Neal W. Pollock, „Defensive Dive Profile Planning“, Alert Diver (DAN), Q1 2016 — die tragende Quelle: Bedeutung des Profils, Mehrstufenprofil, flacher Bereich als Puffer, Grenzen der Tiefste-zuerst-Regel, Oberflächenpausen.
- Alert Diver (DAN Europe): „Profile Data Banks“, 2010 — Aufzeichnung der Profile, Abtastintervall, Umfang der Datenbanken.
- DGUV Regel 105-002, „Tauchen mit Leichttauchgeräten in Hilfeleistungsunternehmen“ — die Begriffsbestimmungen zu Tauchgang und Wiederholungstauchgang.
Zur Quellenlage: Die Aussagen zur Profilgestaltung stammen aus einem einzelnen, allerdings fachlich einschlägigen DAN-Beitrag; die Zahlen der Profildatenbanken aus dem Jahr 2010 sind seither gewachsen. Die DGUV-Definitionen gelten für Hilfeleistungsunternehmen, nicht für das Sporttauchen — sie stehen hier als klar gefasste Abgrenzung, nicht als Vorgabe für Sporttaucher. Von den Ausbildungsverbänden ist keiner herangezogen.
