Stickstoffmanagement ist die Planung der Inertgasbelastung eines Nitroxtauchgangs — also die Frage, wie lange man mit einem sauerstoffangereicherten Gemisch in einer bestimmten Tiefe bleiben darf. Es ist das Gegenstück zum Sauerstoffmanagement: Nitrox verschiebt die Grenze der Dekompression nach hinten und die Grenze der Tiefe nach vorn.
Der Grundgedanke
Ein Nitroxgemisch enthält weniger Stickstoff als Luft. Nach dem Gesetz von Dalton liegt damit in jeder Tiefe auch der Stickstoffpartialdruck niedriger — und genau dieser treibt nach dem Gesetz von Henry die Sättigung der Gewebe an. Weniger Stickstoffdruck bedeutet langsamere Sättigung und damit längere Nullzeiten.
Der praktische Trick der Sporttauchausbildung besteht darin, diesen Vorteil nicht in eine eigene Nitroxtabelle zu gießen, sondern ihn in eine Tiefe umzurechnen. Man plant den Nitroxtauchgang so, als wäre er ein flacherer Lufttauchgang.
Die äquivalente Lufttiefe
Diese gedachte Tiefe heißt äquivalente Lufttiefe (EAD). Das SSI-Schulungsbuch Enriched Air Nitrox gibt die Formel an:
EAD = [(1 − fO₂) · (D + 10) ÷ 0,79] − 10
Dabei ist D die tatsächliche Tiefe in Metern Salzwasser. Der Faktor 0,79 ist der Stickstoffanteil der Luft; (1 − fO₂) ist der Stickstoffanteil des Nitrox. Die Formel fragt also schlicht: In welcher Tiefe hätte Luft denselben Stickstoffpartialdruck?
Die Umkehrung ist ebenso angegeben — sie liefert aus einer bekannten äquivalenten Lufttiefe die tatsächliche Tiefe:
D = [0,79 · (EAD + 10) ÷ (1 − fO₂)] − 10
⚠️ Beide Formeln gelten für Salzwasser. Für Süßwasser ist nach SSI mit 10,2 Metern statt 10 Metern zu rechnen. Zur Vereinfachung wird angenommen, dass zehn Meter Salzwasser genau einem bar entsprechen.
Vom Rechnen zum Ablesen
In der Praxis wird selten gerechnet. Die Äquivalenztiefentabelle nimmt die Umrechnung ab: Man sucht die Spalte des gefahrenen Sauerstoffanteils, geht bis zur geplanten Tiefe und liest links die Lufttiefe ab, mit der man dann in die gewohnte Lufttabelle geht.
Der Vorteil dieses Wegs liegt weniger in der Bequemlichkeit als in der Fehlervermeidung: Man arbeitet mit den Werkzeugen weiter, die man ohnehin beherrscht, statt ein zweites Tabellenwerk zu lernen.
Die Kehrseite
Der Gewinn ist einseitig. Was Nitrox beim Stickstoff spart, holt es beim Sauerstoff zurück: Der Grenzwert von 1,4 bar wird früher erreicht, die maximale Einsatztiefe sinkt. Deshalb gehören die beiden Rechnungen zusammen — Sauerstoffmanagement begrenzt die Tiefe, Stickstoffmanagement die Zeit.
Ein zweiter Punkt wird gern übersehen: Der Sicherheitsgewinn entsteht nur, wenn man den Vorteil nicht ausreizt. Wer EAN32 taucht und die längere Nullzeit voll ausschöpft, hat am Ende dieselbe Dekompressionsbelastung wie mit Luft — nur mit mehr Sauerstoff im Gepäck. Wer dagegen mit Lufteinstellungen taucht, verschenkt die Zeit und gewinnt dafür Sicherheitsmarge. Als Tauchlehrer empfehle ich Einsteigern durchweg den zweiten Weg; SSI beschreibt ihn im Kursbuch als eigenständiges Ziel des EAN32-Programms.
Wo die Methode an ihre Grenzen kommt
SSI weist ausdrücklich darauf hin, dass in der Äquivalenztiefentabelle „kein nennenswertes konservatives Element eingebaut“ ist. Die üblichen Sicherheitsmaßnahmen — langsamer Aufstieg, Sicherheitsstopp, Abstand zur Nullzeitgrenze — gelten unverändert weiter. Und die EAD sagt nichts über Sauerstoff: Eine korrekt gerechnete Lufttiefe schweigt dazu, ob die tatsächliche Tiefe noch innerhalb der maximalen Einsatztiefe liegt.
Quellen
- SSI, Enriched Air Nitrox (EAN), Schulungsbuch SC-EAN, deutsche Ausgabe, © SSI International GmbH, 18.10.2023, Kapitel 4 „Stickstoffmanagement“ und Anhang — die EAD-Formel und ihre Umkehrung, der Süßwasserhinweis (10,2 m), der fehlende Konservatismus der Äquivalenztiefentabelle. Nicht frei im Netz; erhältlich über MySSI beziehungsweise das Training Center
- Taucherpedia: Gesetz von Dalton — Partialdruck als treibende Größe
