Der Rescue Diver ist die Ausbildungsstufe, auf der ein Sporttaucher lernt, Zwischenfälle zu erkennen, zu verhindern und zu bewältigen — die eigenen und die des Partners. Sie folgt auf die Grundausbildung und unterscheidet sich von ihr in der Blickrichtung: Nicht mehr das eigene Tauchen steht im Mittelpunkt, sondern der andere im Wasser.
Was die Stufe ist — und was nicht
Die englische Wikipedia beschreibt den Rescue Diver als Brevetstufe mehrerer Ausbildungsverbände, die Notfallreaktion und Taucherrettung in den Mittelpunkt stellt. Sie ist keine Normstufe: Anders als der Open Water Diver (ISO 24801-2) und der Dive Leader (ISO 24801-3) hat der Rescue Diver keine eigene ISO-Entsprechung. Die englische Wikipedia ordnet ihn lediglich grob ein: in etwa der CMAS-Zwei-Stern-Qualifikation und dem BSAC Sports Diver vergleichbar.
Die Namen unterscheiden sich: PADI und SDI führen die Stufe als Rescue Diver, SSI als Diver Stress and Rescue, NAUI als Scuba Rescue Diver. Der Zusatz „Stress“ im SSI-Namen ist dabei kein Beiwerk, sondern der Kern der Sache — die meisten Zwischenfälle beginnen nicht mit einem technischen Defekt, sondern mit einem Taucher, der die Lage nicht mehr im Griff hat.
Voraussetzungen
Hier gehen die Angaben deutlich auseinander, und zwar nach Verband. Die englische Wikipedia nennt für die meisten Organisationen ein Mindestalter von 15 Jahren und hält fest, dass PADI zusätzlich Junior-Rescue-Diver-Brevets vergibt. Eine deutsche SSI-Tauchschule gibt für den Spezialkurs Diver Stress & Rescue dagegen 12 Jahre an, zusammen mit einem (Junior) Open Water Diver oder gleichwertigen Brevet.
Gemeinsam ist allen Programmen eine zweite Voraussetzung: ein gültiger Erste-Hilfe-Nachweis. Die genannte SSI-Tauchschule verlangt, dass jeder Teilnehmer innerhalb der letzten 24 Monate einen Erste-Hilfe- oder Emergency-First-Response-Kurs besucht hat. Das ist sachlich zwingend — wer einen Taucher an Land bringt, braucht danach Maßnahmen, die im Tauchkurs nicht gelehrt werden.
Was gelernt wird
Die englische Wikipedia führt als Kursgegenstände Selbstrettung und Taucherstress, Notfallmanagement und Notfallausrüstung, das Verhalten gegenüber einem in Panik geratenen Taucher, die Beatmung im Wasser, den Ausstieg und durchgespielte Tauchunfallszenarien auf.
Die genannte SSI-Tauchschule gliedert ihren Kurs entsprechend. Theoretisch behandelt sie Selbstrettung, Taucherstress, Erste Hilfe für Taucher, Notfallmanagement und Überlegungen zur Ausrüstung mit einer schriftlichen Abschlussprüfung. Praktisch übt sie Hilfeleistungen im Wasser und von Land aus, Hilfe und Kontakt für Taucher in Panik, Probleme unter Wasser, das Suchen und Bergen eines vermissten Tauchers, die künstliche Beatmung im Wasser, Ausstiege und Erste-Hilfe-Maßnahmen bei druckbedingten Verletzungen.
Der Umfang ist nach derselben Darstellung überschaubar: Theorie größtenteils im Selbststudium, dazu zwei Tage im Freiwasser oder — als Winterkurs — ein Schwimmbadteil mit einem Freiwassertag.
Die drei Übungen, an denen sich die Stufe entscheidet
In der Ausbildung sehe ich immer wieder dieselben drei Punkte, an denen die Sache kippt oder trägt.
Der Taucher in Panik an der Oberfläche. Er ist stärker, als man erwartet, und er klammert. Gelehrt wird deshalb Abstand, Ansprache, das Aufblasen der eigenen und der fremden Tarierweste und der Zugriff erst von hinten. Wer hier als Erstes hinschwimmt und zugreift, wird selbst zum zweiten Verunglückten.
Der vermisste Taucher. Diese Übung ist unbeliebt, weil sie unspektakulär aussieht und Disziplin verlangt: ein abgesprochenes Suchmuster, eine Zeitgrenze, ein Abbruchkriterium. Sie ist der Teil, der am stärksten davon lebt, dass er im Buddy-System gar nicht erst nötig wird.
Die Beatmung im Wasser während des Schleppens. Sie ist körperlich anstrengend und wird regelmäßig zu langsam ausgeführt. Ihr Wert liegt weniger in der Beatmung selbst als darin, dass sie den Retter zwingt, gleichzeitig zu schleppen, Ausrüstung abzulegen und den Ausstieg zu planen — also genau die Verkettung, die im Ernstfall überfordert.
Was danach kommt
Der Rescue Diver ist bei mehreren Verbänden die Eintrittskarte für die Profistufe; die englische Wikipedia weist darauf hin, dass die weiterführende Ausbildung dort auf dieser Stufe aufbaut. Wer nicht in Richtung Divemaster will, hat trotzdem etwas davon: Der Kurs verändert die Art, wie man vor dem Tauchgang hinsieht.
Zwei Dinge gehören unmittelbar daneben. Erstens die Sauerstoffgabe — der Sauerstoffkoffer ist bei einem Tauchunfall die wirksamste Erstmaßnahme und in mehreren Programmen ein eigener Kurs. Zweitens der Notfallplan der Tauchbasis: Wer weiß, wen er wo anruft, spart die Minuten, die der Rest der Rettungskette nicht mehr aufholen kann.
Quellen
- Wikipedia (englisch): Rescue Diver — Verbände und ihre Bezeichnungen, Mindestalter 15 Jahre bei den meisten Organisationen, Junior-Brevets bei PADI, Kursgegenstände von der Selbstrettung bis zu den Unfallszenarien, Anschluss an die weiterführende Ausbildung.
- Wikipedia (englisch): Recreational scuba certification levels — die grobe Einordnung neben die CMAS-Zwei-Stern-Qualifikation und den BSAC Sports Diver, Abgrenzung zu den ISO-Stufen.
- Action-Sport Zentrum: SSI-Spezialkurs Diver Stress & Rescue — Mindestalter 12 Jahre, Vorbrevet, Erste-Hilfe-Nachweis binnen 24 Monaten, Gliederung von Theorie und Praxis, Umfang von zwei Freiwassertagen. Angebot einer einzelnen Tauchschule, kein Verbandsstandard.
Die Kursinhalte und Zugangsvoraussetzungen sind hier aus einer enzyklopädischen Übersicht und aus dem Kursangebot einer einzelnen SSI-Tauchschule zusammengetragen; die Standardtexte der Verbände selbst liegen dem Eintrag nicht zugrunde. Die Altersangaben von 12 und 15 Jahren stammen aus diesen beiden unterschiedlichen Darstellungen und sind deshalb getrennt ausgewiesen.
