Aufstiegsgeschwindigkeit beim Tauchen: Was ist sicher?

Aufstiegsgeschwindigkeit
Aufstiegsgeschwindigkeit

Wie schnell darf man auftauchen? Die Frage klingt, als müsste es eine Zahl geben. Es gibt aber keine — jedenfalls keine, auf die sich die Ausbildungsverbände geeinigt hätten. Die Vorgaben reichen von 9 bis 18 Metern pro Minute, und einige Verbände nennen überhaupt keinen Wert mehr. Dieser Beitrag stellt zusammen, wer was vorgibt, woher die Unterschiede kommen und was die Untersuchungen dazu hergeben.

Die knappe Begriffsbestimmung steht im Lexikon unter Aufstiegsgeschwindigkeit.

Warum die Rate überhaupt begrenzt wird

Unter Druck löst sich Inertgas im Gewebe. Beim Aufstieg muss es über die Lunge wieder abgeatmet werden. Fällt der Umgebungsdruck schneller, als das Gewebe abgeben kann, tritt das Gas als freie Blase aus der Lösung — der Weg in die Dekompressionskrankheit.

Entscheidend ist dabei nicht der absolute, sondern der relative Druckabfall. Zwischen 40 und 30 Metern sinkt der Umgebungsdruck von 5 auf 4 bar, das Gasvolumen wächst um ein Viertel. Zwischen 10 Metern und der Oberfläche sinkt er von 2 auf 1 bar — das Volumen verdoppelt sich. Dieselbe Strecke, doppelter Effekt. Deshalb sind die letzten zehn Meter der kritische Abschnitt und nicht der Anfang des Aufstiegs.

Was die Verbände tatsächlich vorgeben

Verband / RegelwerkVorgabeFundstelle und Stand
PADIhöchstens 18 m/minStandard Safe Diving Practices: „Ascend at a rate of not more than 18 metres/60 feet per minute“
SSI9 m/minInstructor Manual, deutsche Ausgabe vom 06.08.2026. In den SSI Training Standards selbst steht keine Rate
CMAS10 m/min vom Grund (in der Praxis 9–12), rund 6 m/min zwischen den Stopps und zum OberflächenstoppFact Sheet „Correct Ascent Rate“, Ref. 25-024/CMAS/TC vom 14.08.2025
VDST10 m/min als Maximum; oberhalb 10 m 5 m/min, an der Nullzeitgrenze oberhalb 5 m sogar 1 m/minSicherheitsstandards für die Ausübung des Tauchsports, gültig ab 01.01.2026
NAUI9 m/minVerbandsstandards — für diesen Beitrag nicht am Originaldokument gegengeprüft
DGUV (Forschungstauchen)10 m/min, unterhalb 30 m ausdrücklich 18 m/min erlaubtDGUV Regel 101-023, Dezember 2023
SDI/TDI, RAID, GUEkein Zahlenwert in den öffentlich zugänglichen Standards—
BSACnennt keine Zahl mehr—

Zwei Dinge fällt daran auf. Erstens: Die Spanne zwischen PADI und SSI beträgt den Faktor zwei. Wer nach beiden Systemen ausgebildet ist, hat zwei verschiedene Zahlen gelernt, und beide sind der jeweilige Standard. Zweitens: Sobald ein Regelwerk ins Detail geht, staffelt es. CMAS und VDST nennen für die letzten Meter langsamere Raten als für den Grundabschnitt, die DGUV umgekehrt für den tiefen Abschnitt eine schnellere. Eine einzige Zahl für den gesamten Aufstieg ist eine Vereinfachung für den Kursbetrieb, keine physiologische Größe.

Woher die Unterschiede kommen

Das CMAS-Fact-Sheet zeichnet die Entwicklung nach, und sie erklärt einiges. Paul Bert schlug 1878 rund 1 m/min vor. J.-S. Haldane empfahl 1908 etwa 10 m/min mit einer akzeptablen Zone zwischen 5 und 14 m/min. Bis 1957 galten 8 bis 10 m/min. Von 1958 bis 1993 lag der Wert bei 18 m/min — das Fact Sheet bezeichnet ihn als „purely arbitrary compromise“ zwischen den Anforderungen der Marinen. 1993 kehrte die US Navy auf 10 m/min zurück; die französische Marine stellte 2023 auf 12 m/min um.

Die 18 aus der PADI-Vorgabe ist also kein Ausreißer, sondern der historische Kompromisswert, der in einem Regelwerk stehen geblieben ist. Die CMAS hält Raten oberhalb von 18 m/min heute für „excessive“.

Was die Untersuchungen hergeben

Weniger, als man erwarten würde. Das Divers Alert Network fasst die Lage so zusammen, dass „very little direct evidence“ darüber existiere, welche Rate die sicherste sei; die meisten Empfehlungen stützten sich auf Beobachtungsstudien zu Blasengraden im Doppler-Ultraschall oder auf theoretische Überlegungen. Die Spanne der Verbandsempfehlungen gibt der DAN mit 30 bis 60 Fuß pro Minute an, also 9 bis 18 m/min; U.S. Navy und NOAA rechnen mit 30 ft/min.

Eine 2009 in Aviation, Space and Environmental Medicine veröffentlichte Untersuchung an 47 Freizeittauchern verglich 30 mit 60 ft/min: Die schnellere Gruppe zeigte höhere Blasengrade. Das stützt die langsamere Rate — mehr aber auch nicht, denn Blasengrade sind ein Maß für die Belastung, keine Krankheitszählung.

Umgekehrt ist langsamer nicht automatisch besser. In der Untersuchung von Marroni und Kollegen für das DAN-Europe-Projekt Dive Safety Laboratory erzeugte 2004 ausgerechnet das Profil mit der langsamsten gleichmäßigen Rate ohne Stopps die höchsten Blasenwerte. Der Grund liegt nahe: Wer sehr langsam aufsteigt, nimmt in den tiefen Abschnitten weiter Inertgas auf.

Was der Tauchcomputer überwacht

Nicht die Vorgabe deines Ausbildungsverbands, sondern die Annahme seines Algorithmus. Für Bühlmann ZH-L16 sind das 10 m/min; Shearwater schreibt in seine Bedienungsanleitungen, es werde von einer Aufstiegsrate von 10 m/min ausgegangen. Die Warnschwellen unterscheiden sich je Hersteller:

  • Shearwater: grün bis 9 m/min, rot ab 18 m/min
  • Suunto D5: gelb ab 8 m/min, rot ab 10 m/min
  • Garmin Descent: Warnung ab 9,1 m/min

Wenn dein Computer meckert, obwohl du dich an die Zahl aus dem Kurs hältst, ist das kein Widerspruch, sondern genau dieser Unterschied. Im Wasser gilt das Gerät — es rechnet deine Entsättigung mit seiner eigenen Annahme.

In der Praxis ist es ein Tarierungsproblem

Wer zu schnell auftaucht, tut das fast nie mit Absicht. Buzzacott und Kollegen werteten 2012 über tausend Tauchprofile aus Westaustralien aus: Schnelle Aufstiege gingen ganz überwiegend auf einen Verlust der Auftriebskontrolle zurück, nicht auf bewusstes Missachten der Regel.

Als Tauchlehrer sehe ich das genauso. Die Aufstiegsgeschwindigkeit ist in der Ausbildung kein Wissens-, sondern ein Könnensproblem, und sie entgleitet dort, wo der Anzug in den letzten Metern am stärksten expandiert. Wer in fünf Metern anfängt zu steigen, statt Luft abzulassen, ist schon zu spät. Was hilft:

  • In den letzten zehn Metern vorausschauend ablassen, nicht reagierend
  • Eine Leine oder eine Boje benutzen, wenn es sie gibt — eine feste Referenz macht den Unterschied zwischen Tarieren und Raten
  • Den Sicherheitsstopp als Tarierübung begreifen: drei Minuten ruhig auf Tiefe halten ist die eigentliche Prüfung
  • Bei Trockenanzug: Ventil einstellen, bevor der Aufstieg beginnt

Drei Irrtümer, die sich hartnäckig halten

„Ab 25 Metern sollte man Deep Stops einlegen“

Diese Empfehlung stand jahrelang in vielen Ratgebern — auch früher in diesem hier. Sie ist widerlegt. Die U.S. Navy Experimental Diving Unit verglich in ihrer Studie von 2011 (Doolette, Gerth und Gault, Technical Report 11-06) tiefe gegen flache Stopps bei gleicher Gesamtstoppzeit: 11 Fälle von Dekompressionskrankheit auf 198 Tauchgänge mit tiefen Stopps gegenüber 3 auf 192 mit flachen, p = 0,030. Die CMAS rät in ihrem Fact Sheet zu Deep Stops bei Luft und Nitrox ausdrücklich davon ab. Tiefe Stopps haben ihren Platz beim Heliumtauchen, nicht im Nullzeitbereich.

„Steig nicht schneller auf als deine eigenen Blasen“

Die Faustregel ist alt und beliebt, weil sie ohne Gerät auskommt. Sie taugt aber nur als grobe Bremse: Wie schnell eine Blase steigt, hängt von ihrer Größe ab — große Blasen sind erheblich schneller als kleine, und was man beim Ausatmen sieht, ist eine Mischung aus beidem. Für die verbreitete Angabe, Ausatemblasen stiegen mit rund 9 m/min, gibt es keine belastbare Fundstelle. Nimm den Computer.

„Es gibt eine richtige Zahl“

Gibt es nicht, und das ist der Kern der Sache. Es gibt eine Zahl, die dein Verband lehrt, eine, die dein Computer annimmt, und eine Spanne, innerhalb derer die Untersuchungen keinen klaren Unterschied zeigen. Entscheidend ist die Kontrolle über den Aufstieg, nicht das Treffen einer Zahl auf den Meter genau.

Was ich Tauchschülern sage

Lern die Zahl deines Verbandes, weil sie in der Prüfung abgefragt wird. Tauche dann nach dem Gerät und nach dem Grundsatz, dass die letzten zehn Meter die langsamsten sind. Wenn du zwischen zwei Zahlen wählen musst, nimm die kleinere — bei einer Obergrenze rundet man nie zum eigenen Vorteil. Und wenn dir der Aufstieg entgleitet, ist die Antwort ein Tarierkurs, keine neue Regel.

Häufige Fragen

Wie schnell darf man beim Tauchen auftauchen?

Das hängt vom Verband ab: PADI erlaubt bis 18 m/min, SSI und NAUI lehren 9 m/min, CMAS und VDST nennen 10 m/min mit langsameren Raten im flachen Bereich. Eine verbandsübergreifend gültige Zahl gibt es nicht.

Was passiert, wenn der Computer einen zu schnellen Aufstieg meldet?

Tiefe halten, bis die Warnung erlischt, dann langsam weiter und den Sicherheitsstopp verlängern. Die Warnung selbst ist kein Tauchunfall — sie sagt, dass das Gerät mit einer Annahme rechnet, die du gerade verlassen hast. Treten danach Beschwerden auf, gilt das Vorgehen bei Verdacht auf einen Tauchunfall.

Ist ein sehr langsamer Aufstieg die sicherste Variante?

Nein. In der DAN-Europe-Untersuchung von Marroni und Kollegen (2004) erzeugte gerade das Profil mit der langsamsten gleichmäßigen Rate ohne Stopps die höchsten Blasenwerte, weil in den tiefen Abschnitten weiter Inertgas aufgenommen wird. Gestaffelt aufsteigen schlägt gleichmäßig langsam.

Quellen

Die SSI-Angabe von 9 m/min stammt aus dem SSI Instructor Manual, deutsche Ausgabe vom 06.08.2026; das Manual ist urheberrechtlich geschütztes Kursmaterial und wird hier nicht verlinkt.

Über Taucher Tom 59 Artikel
Taucher Tom schreibt über alles, was Taucher sonst noch beschäftigt: Ausrüstung, Tauchmedizin, Meeresbewohner und Meeresschutz. Praxisnah, mit Quellen für jede Zahl.

2 Trackbacks / Pingbacks

  1. Open Water Diver Theorieprüfung: 80 Prozent und was gefragt wird
  2. Tauchunfall: was in den ersten Minuten zählt • Tauchen von A bis XYZ

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*