Nasse Rekompression

Verunglückter Taucher liegt an Bord eines Tauchboots und atmet Sauerstoff aus einem Koffer, während ein zweiter Taucher die Flasche hält.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die nasse Rekompression ist das erneute Abtauchen eines Tauchers nach einem Tauchunfall, um die Symptome durch den höheren Umgebungsdruck im Wasser zurückzudrängen, weil keine Druckkammer erreichbar ist. Im englischen Sprachgebrauch heißt das Verfahren In Water Recompression, kurz IWR. Für Sporttaucher ist es keine Erstmaßnahme: Die deutschsprachige Leitlinie lehnt es ausdrücklich ab.

Was die Leitlinie sagt

Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ der GTÜM wird an dieser Stelle so deutlich, wie Leitlinien selten werden. Der Empfehlungssatz lautet: Eine „nasse Rekompression“ (In Water Recompression, IWR) soll nicht durchgeführt werden. Die Empfehlung wurde mit sieben Ja-Stimmen ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung verabschiedet, also mit starkem Konsens. Dieselbe Aussage steht in den Abschnitten für Ersthelfer und für medizinisches Personal.

Eine einzige Ausnahme benennt die Leitlinie, und sie ist eng: Teams mit entsprechender Ausbildung, Erfahrung und Ausstattung, bei einem lebensbedrohlichen Tauchunfall und nur dann, wenn eine Druckkammer nicht innerhalb weniger Stunden erreichbar ist. Das beschreibt Berufs- und Militärtaucher an abgelegenen Einsatzorten, nicht die Gruppe am Steg und nicht das Tauchboot vor der Küste.

Warum das Verfahren überhaupt erwogen wird

Der Gedanke dahinter ist derselbe wie bei der Rekompression in der Kammer: Druck verkleinert die Gasblasen, Sauerstoff wäscht das Inertgas aus und versorgt das geschädigte Gewebe. Wer stundenlang oder tagelang von der nächsten Kammer entfernt ist, hat dieses Prinzip im Prinzip auch im Wasser zur Verfügung — mit allen Nachteilen, die ein Patient im Wasser mitbringt.

Entscheidend ist dabei der Sauerstoffpartialdruck. Nach der Darstellung von DAN ist eine Behandlung nur wirksam, wenn reiner Sauerstoff bei einem Partialdruck über zwei bar absolut geatmet wird; ohne das ist die Rückfallquote hoch. Reine Lufttauchgänge zur Linderung von Symptomen fallen damit als Behandlung aus. Die US Navy rät nach derselben Darstellung von jeder nassen Rekompression ab, solange eine Druckkammer innerhalb von zwölf Stunden erreichbar ist.

Was dafür nötig wäre

Die Ausstattungsliste, die Fachleute für ein vertretbares Vorgehen nennen, macht den Abstand zum Sporttauchen greifbar. Dick Kay beschreibt in Alert Diver als Ausgangspunkt eine Vollgesichtsmaske oder einen Helm mit Sprechverbindung für den Verunglückten, dazu zwingend einen begleitenden Taucher und einen Betreuer an der Oberfläche. Nötig sind außerdem genug Sauerstoff und die Möglichkeit, unter Wasser zwischen Luft und Sauerstoff umzuschalten.

Dazu kommt die Zeit. Die kürzeste Sauerstofftabelle dauert nach Kay zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden; eine Behandlung kann sich über Tage erstrecken. Wer so lange im Wasser liegt, braucht Wärmeschutz, in kaltem Wasser einen Trockentauchanzug — für den Verunglückten und für jeden Begleiter.

Was dagegen spricht

Alessandro Marroni führt in derselben Darstellung die Gründe auf, die gegen einen allgemeinen Einsatz sprechen: Die Flüssigkeitszufuhr ist im Wasser erschwert, was die Austrocknung verstärkt; der Verlauf eines Tauchunfalls ist oft nicht vorhersehbar; viele Versuche wurden wegen logistischer Probleme oder Komplikationen abgebrochen; und es fehlt an belastbarer Evidenz. Hinzu kommen die Gefahren, die jeder Taucher kennt und die ein geschwächter Patient weniger beherrscht: Unterkühlung, Sauerstoffvergiftung, der Verlust des Bewusstseins im Wasser.

Wie umstritten das Thema ist, zeigt ein Datum: Ein Fachtreffen von DAN und der Undersea and Hyperbaric Medical Society im Jahr 1998 endete ohne gemeinsames Positionspapier. Die Fachwelt ist sich uneinig, wo die Grenze liegt — und genau deshalb ist die deutschsprachige Leitlinie für den Sporttaucher der Maßstab, der gilt.

Was stattdessen zu tun ist

Die Leitlinie stellt der Ablehnung eine klare Reihenfolge gegenüber. Sauerstoff sofort, in der höchsten verfügbaren Konzentration, auch wenn der Vorrat knapp ist und der Transport später mit Luftatmung endet. Die Gabe wird ohne Unterbrechung fortgeführt, bis die Druckkammer erreicht ist. Als Standardbehandlung dort nennt sie die US Navy Treatment Table 6 mit einem initialen Behandlungsdruck von 280 kPa. Und sie hält ausdrücklich fest, dass es zur Druckkammerbehandlung keine alternative Therapie gibt.

Als Tauchlehrer sehe ich den Hebel genau dort, wo er hingehört: im Notfallplan. Wer weiß, welche Leitstelle zuständig ist, wo der Sauerstoffkoffer liegt und wer ihn bedienen kann, kommt nicht in die Lage, über ein Verfahren nachzudenken, das die Leitlinie ablehnt. Dieser Eintrag erklärt, warum die nasse Rekompression abgelehnt wird; eine Anleitung zur Durchführung gehört nicht hierher.

Dieser Eintrag beschreibt ein tauchmedizinisches Verfahren und seine Beurteilung in Leitlinien und Fachpublikationen. Er ersetzt weder eine Rettungsausbildung noch ärztliche Beratung und ist keine Handlungsanweisung für den Notfall.

Quellen

Zur Quellenlage: Die beiden Alert-Diver-Darstellungen sind Fachbeiträge einer Tauchsicherheitsorganisation, keine Leitlinie; die eine stammt aus dem Jahr 2011. Behandlungstabellen für eine nasse Rekompression nennt keine der hier zugrunde gelegten Quellen, und sie werden hier deshalb nicht wiedergegeben. Für die Frage, ab welcher Verzögerung das Verfahren überhaupt erwogen werden kann, liegt keine übereinstimmende Angabe vor: Genannt werden zwölf Stunden (US Navy) und „wenige Stunden“ (GTÜM), jeweils mit unterschiedlichem Bezug.

Darf ich einen Taucher mit Symptomen zum Druckausgleich noch einmal mit ins Wasser nehmen?
Nein. Die S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ sagt, eine nasse Rekompression soll nicht durchgeführt werden, und zwar sowohl im Abschnitt für Ersthelfer als auch im Abschnitt für medizinisches Personal. Ein Verunglückter, der ohnehin schon ein Problem mit dem Inertgas hat, nimmt beim erneuten Abtauchen weiteres Inertgas auf und ist im Wasser kaum zu überwachen. Was die Leitlinie stattdessen verlangt, ist Sauerstoff in der höchsten verfügbaren Konzentration, ohne Unterbrechung bis zur Druckkammer.
Warum gilt für Berufstaucher an abgelegenen Orten etwas anderes?
Weil dort drei Dinge zusammenkommen, die beim Sporttauchen fehlen: eine Ausbildung für dieses Verfahren, die Ausstattung dafür — Vollgesichtsmaske oder Helm mit Sprechverbindung, Begleittaucher, Oberflächenbetreuer, Sauerstoffvorrat mit Umschaltmöglichkeit — und die Lage, dass eine Druckkammer nicht innerhalb weniger Stunden erreichbar ist. Die Leitlinie macht die Ausnahme ausdrücklich von allen drei Voraussetzungen abhängig.
Hilft es, mit Luft etwas tiefer zu gehen, wenn kein Sauerstoff da ist?
Als Behandlung nicht. Nach der Darstellung von DAN wirkt eine Rekompression im Wasser nur mit reinem Sauerstoff bei einem Partialdruck über zwei bar absolut; andernfalls ist die Rückfallquote hoch. Ohne Sauerstoffvorrat fehlt also genau der Teil, der die Wirkung trägt — übrig bliebe ein zweiter Tauchgang mit weiterer Inertgasaufnahme.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.