US Navy Treatment Table 6

Blick in den Innenraum einer klinischen Mehrpersonen-Druckkammer mit Sitzbaenken, Bullaugen, Maskenanschluessen und Druckschleusentuer.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Die US Navy Treatment Table 6 ist der Standard-Behandlungsplan der Druckkammer für die Dekompressionskrankheit und die arterielle Gasembolie. Der Verunglückte wird auf einen Behandlungsdruck von 280 Kilopascal gebracht — 2,8 bar absolut, das entspricht 18 Metern Wassertiefe oder 60 Fuß — und atmet dort reinen Sauerstoff in Perioden, die von Luftpausen unterbrochen werden.

Warum eine Tabelle der US-Marine in deutschen Kliniken läuft

Die Tabelle stammt aus dem Tauchhandbuch der United States Navy und hat sich weltweit als Behandlungsstandard durchgesetzt. Die deutsche S2k-Leitlinie „Tauchunfall“ der GTÜM nennt sie ausdrücklich: Die Rekompressionsbehandlung erfolgt nach der US Navy Treatment Table 6 oder Modifikationen davon, mit einem initialen Behandlungsdruck von 280 kPa. Die internationale tauchmedizinische Fachliteratur bezeichnet sie als den gegenwärtigen „standard of care“ für die Behandlung der Dekompressionserkrankung, in der Grundfassung oder als verlängerte Tabelle.

Bemerkenswert ist ein Punkt, den die Leitlinie eigens hervorhebt: Die Wahl der Behandlungstabelle hängt nicht davon ab, welches Atemgas der Taucher benutzt hat. Ob Pressluft, Nitrox oder Trimix — behandelt wird nach derselben Tabelle.

Wie die Behandlung abläuft

Das Grundmuster ist bei allen Sauerstoff-Rekompressionstabellen dasselbe und beruht auf zwei Wirkungen, die zugleich einsetzen. Der erhöhte Umgebungsdruck verkleinert die Gasblasen im Körper mechanisch; der reine Sauerstoff senkt den Inertgasanteil der Atemluft auf null und erzeugt damit den größtmöglichen Druckgradienten, unter dem der Stickstoff aus dem Gewebe zurück ins Blut und in die Lunge wandert. Dieselbe Überlegung trägt auch die Sauerstoffdekompression im Wasser.

Die Grundfassung der Table 6 dauert 4 Stunden 45 Minuten. Die genaue Abfolge von Sauerstoffperioden, Luftpausen und Aufstiegsschritten ist im Tauchhandbuch der US Navy festgelegt und wird vom Kammerteam Minute für Minute gefahren; sie ist nichts, was ein Taucher im Kopf haben muss. Zum Vergleich: Die kürzere Table 5 läuft 2 Stunden 16 Minuten und kann um zwei zusätzliche Sauerstoffperioden auf der 9-Meter-Stufe (30 Fuß) verlängert werden. Auch die Table 6 gibt es in verlängerter Form.

Wozu die Luftpausen gut sind

Reiner Sauerstoff bei 2,8 bar bedeutet einen Sauerstoffpartialdruck von 2,8 bar — weit oberhalb dessen, was beim Tauchen je zugelassen wäre. Die eingeschobenen Luftpausen unterbrechen diese Belastung regelmäßig und halten damit das Risiko der akuten Hyperoxie und des Sauerstoffkrampfs beherrschbar. Der Behandlungsdruck ist also kein Kompromiss aus Bequemlichkeit, sondern das Ergebnis einer Abwägung: tief genug, um Blasen wirksam zu verkleinern, flach genug, um vier Stunden Sauerstoff in Kauf nehmen zu können.

Wann Table 6 und wann Table 5

Die Trennlinie verläuft entlang der Schwere des Falls. Nach der Darstellung der tauchmedizinischen Fachliteratur wird die Table 6 gewählt bei arterieller Gasembolie, bei Typ-II-Symptomen der Dekompressionskrankheit, bei Typ-I-Symptomen, die nach zehn Minuten auf 60 Fuß nicht vollständig zurückgegangen sind, bei starken Schmerzen, bei Cutis marmorata, bei schwerer Kohlenmonoxidvergiftung und bei symptomatischem unkontrolliertem Aufstieg. Die Table 5 bleibt den Typ-I-Fällen ohne neurologische Auffälligkeiten vorbehalten. Die Entscheidung trifft der Druckkammerarzt, nicht der Taucher und nicht der Tauchlehrer.

Was das für den Sporttaucher heißt

Drei Dinge, und sie liegen alle vor der Kammertür.

Erstens: Bis dorthin gilt die Sauerstoffgabe ohne Pause. Der Sauerstoffkoffer an Bord überbrückt genau die Strecke, die die Tabelle voraussetzt. Zweitens: Eine „nasse Rekompression“ ist kein Ersatz. Die Leitlinie sagt, sie soll nicht durchgeführt werden; die Ausnahme für lebensbedrohliche Fälle ohne erreichbare Kammer bleibt professionellen Teams mit entsprechender Ausbildung und Ausrüstung vorbehalten. Drittens: Der Weg in die Kammer führt über den tauchmedizinischen Notruf, nicht über die eigene Anfahrt. Der Ablauf steht im Eintrag Tauchunfall, die Anlage selbst unter Druckkammer.

Dieser Eintrag beschreibt ein ärztliches Behandlungsverfahren und ersetzt keine tauchmedizinische Beratung.

Warum ausgerechnet 18 Meter und nicht tiefer?
Auf 18 Metern lässt sich reiner Sauerstoff noch atmen. Tiefer wäre der Sauerstoffpartialdruck so hoch, dass ein Krampfanfall wahrscheinlich würde — dann müsste die Kammer auf ein Gemisch umstellen, was die Behandlung aufwendiger macht. 280 kPa ist der Kompromiss, bei dem beides zusammengeht: spürbare Blasenverkleinerung und atembarer Sauerstoff.
Wie schnell muss man in die Kammer?
Die Leitlinie legt keine Frist in Stunden fest, verlangt aber die Sauerstoffgabe ohne Pause bis zum Erreichen der Behandlungsdruckkammer. Daraus folgt die praktische Antwort: so schnell wie der Transport es zulässt — und mit Sauerstoff, nicht ohne. Auch spät begonnene Behandlungen werden durchgeführt.
Gibt es deutsche Behandlungstabellen?
Die Leitlinie nennt als Standard die US Navy Treatment Table 6 oder Modifikationen davon. Welche Modifikation eine bestimmte Einrichtung fährt, entscheidet diese selbst; eine eigenständige deutsche Standardtabelle ist in der Leitlinie nicht genannt.

Quellen

Zur Quellenlage: Die minutengenaue Abfolge der Sauerstoff- und Luftperioden ist in den hier herangezogenen Quellen nicht abgebildet; sie steht im Tauchhandbuch der US Navy. Die Umrechnung von 2,8 bar absolut auf 18 Meter Wassertiefe ist eine einfache Rechnung nach der Faustformel von zehn Metern je bar.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.