Die Kompressionsphase ist der erste Abschnitt eines Tauchgangs: der Abstieg, in dem der Umgebungsdruck zunimmt. Sie trägt ihren Namen vom lateinischen comprimere, zusammendrücken — denn alles Gas, das der Taucher mit sich führt, wird in dieser Phase kleiner. Die Gefahren dieses Abschnitts sind andere als die des Aufstiegs, und sie beginnen flacher, als viele vermuten.
Die drei Phasen eines Tauchgangs
Das Lehrbuch für Forschungstaucher von König und Lipp gliedert jeden Tauchgang in drei Abschnitte, und zwar nach dem, was der Umgebungsdruck tut:
- Kompressionsphase — der Druck steigt. Gefahr sind Unterdruckbarotraumata, wenn der Druckausgleich in gasgefüllten Hohlräumen nicht funktioniert.
- Isopressionsphase — der Druck bleibt konstant. Die Schäden hängen hier vom Umgebungsdruck selbst ab, nicht von seiner Änderung: Sauerstoffvergiftung, Sauerstoffmangel, Kohlendioxid- und Kohlenmonoxidvergiftung, Stickstoffnarkose. Für Sporttaucher mit häufigem Tiefenwechsel schlägt das Buch stattdessen die Bezeichnung „Variophase“ vor.
- Dekompressionsphase — der Druck sinkt. Hier liegt der Tauchunfall mit seinen beiden Formen, der Dekompressionskrankheit und der arteriellen Gasembolie.
Diese Einteilung ist kein Selbstzweck. Sie ordnet die Risiken: Wer weiß, in welcher Phase er steckt, weiß auch, worauf er zu achten hat. Ein Rechteckprofil durchläuft die drei Phasen genau einmal, ein Sägezahnprofil mehrfach.
Was physikalisch geschieht
Mit der Tiefe wächst der hydrostatische Druck um rund ein bar je zehn Meter. Nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte schrumpft jedes eingeschlossene Gasvolumen entsprechend — und zwar in den ersten zehn Metern am stärksten, weil sich der Absolutdruck dort verdoppelt. Betroffen ist alles, was Luft enthält: Mittelohr, Nasennebenhöhlen, Maske, Trockentauchanzug, Lufteinschlüsse unter Zahnfüllungen. Gleichzeitig beginnt die Sättigung der Gewebe mit Inertgas, die später die Dekompression bestimmt.
Die typische Verletzung: der Squeeze
Bleibt der Druckausgleich aus, entsteht in dem Hohlraum ein relativer Unterdruck — das, was Taucher Squeeze nennen. König und Lipp nennen dafür Schwellenwerte, die deutlich machen, wie flach das anfängt:
- Mittelohr: Tubenblock ab etwa 100 mbar, also rund einem Meter Wassersäule. Ein Trommelfellriss ist ab über 0,15 bar möglich und tritt meist ab über 0,3 bar auf — drei Meter Tiefe genügen also im ungünstigen Fall. Siehe Mittelohrbarotrauma.
- Nasennebenhöhlen: 25 cm Wassersäule führen zur Schleimhautschwellung, 70 cm zur Blutüberfüllung, 350 bis 500 cm zu Blutungen.
- Außenohr: ab etwa 0,2 bar Unterdruck; eine Wölbung oder ein Riss des Trommelfells bei 0,3 bis 0,9 bar.
- Maske: der Unterdruck im Maskeninnenraum, Gegenstand des Maskenbarotraumas.
Der Druckausgleich und seine Grenzen
Der einzige Weg, das Mittelohr zu belüften, führt über die Ohrtrompete. Sie ist nach Darstellung von aqua med rund 30 bis 35 Millimeter lang, in Ruhe geschlossen und wird von zwei Gaumenmuskeln geöffnet — der eine zieht den Eingang auf, der andere versteift die Wand, damit sie offen bleibt. Beim Schlucken, Gähnen und bei den Druckausgleichsmanövern geschieht genau das. Zu den Techniken siehe Druckausgleich.
Das Valsalva-Manöver hat dabei einen Preis, den aqua med deutlich benennt: Sein hoher Druck ist nicht immer erwünscht. Bei einem offenen Foramen ovale kann er Mikroblasen vom rechten in den linken Herzteil treiben; kräftige Versuche drücken Schwellung auf die Tubenschleimhaut und erschweren den Ausgleich; sehr hohe Druckunterschiede können die Tubenwände kollabieren lassen, sodass sich die Tube gar nicht mehr öffnen lässt. Das Frenzel-Manöver arbeitet mit geringerem Druck.
Aus der Ausbildung
Als Tauchlehrer achte ich in der Kompressionsphase auf drei Dinge. Erstens: früh und oft ausgleichen, am besten schon an der Oberfläche einmal — nicht erst, wenn es drückt. Zweitens: kopfaufwärts abtauchen, solange die Ohren zicken; an der Abstiegsleine kostet das nichts. Drittens: Wer nicht ausgleichen kann, geht ein paar Meter hoch und versucht es erneut, statt zu pressen. Die Abtauchgeschwindigkeit ist kein Leistungsmerkmal — sie richtet sich nach dem langsamsten Ohr im Team.
Hinweis: Dieser Eintrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Wer nach einem Tauchgang Ohrenschmerzen, Hörminderung oder Schwindel hat, lässt das tauchmedizinisch abklären.
Quellen
- König/Lipp, Lehrbuch für Forschungstaucher, Kapitel 4: Die Auswirkungen des Druckes beim Tauchen (PDF) — die Einteilung in Kompressions-, Isopressions- und Dekompressionsphase sowie die Schwellenwerte für Mittelohr, Nebenhöhlen und Außenohr.
- aqua med: Druckausgleich ohne Druck — Bau und Funktion der Ohrtrompete, Manöver und die Vorbehalte gegen das Valsalva-Manöver.
Zur Quellenlage: Die Benennung der drei Phasen stützt sich auf das Lehrbuch für Forschungstaucher; eine Verbands- oder Normfundstelle für diese Nomenklatur liegt dieser Darstellung nicht zugrunde. Die Druckschwellen stammen aus derselben Quelle und sind dort ohne Angabe einer Norm genannt.
