Eine Bailoutflasche ist eine mitgeführte Tauchflasche mit eigenem Ventil und eigenem Atemregler, aus der ein Taucher sofort atmen kann, wenn sein Hauptgerät ausfällt — beim Kreislaufgerät der Wechsel vom geschlossenen Kreis auf offenen Kreislauf. Sie ist kein Reservevorrat für den geplanten Tauchgang, sondern das Gas, mit dem der Aufstieg einschließlich aller Dekompressionsstopps noch gelingt.
Was sie von Pony, Deko und Stage unterscheidet
Baulich können diese vier Flaschen dasselbe Gerät sein; sie unterscheiden sich im Zweck. DAN stellt sie in Alert Diver nebeneinander: Die Dekoflasche trägt das sauerstoffreiche Gas für die Stopps, meist mit über 40 Prozent Sauerstoff. Die Stageflasche verlängert die Eindringstrecke in Höhle oder Wrack und wird unterwegs deponiert. Die Pony-Flasche ist der Sportbegriff für eine kleine unabhängige Notreserve. Die Bailoutflasche dagegen wird — anders als die Stageflasche — den ganzen Tauchgang über mitgeführt, weil der Ausfall jederzeit kommen kann.
Daraus folgt eine Festlegung, die DAN ausdrücklich nennt: Die Bailoutflasche muss ein Gas enthalten, das in der maximal geplanten Tiefe atembar ist. Die maximale Einsatztiefe des Bailoutgases ist also keine Nebenfrage, sondern die erste Bedingung — ein Nitrox, das erst ab zwanzig Metern taugt, ist auf vierzig Metern kein Bailout.
Wofür sie beim Kreislaufgerät da ist
Beim Kreislaufgerät ist das Bailout nicht eine Möglichkeit unter vielen, sondern die einzige. Fällt der Kreis aus — ein Flutungsereignis, ein verbrauchter Atemkalk, ein Kohlendioxiddurchbruch, eine unzuverlässige Sauerstoffregelung oder ein Caustic Event, bei dem Lauge in den Kreis gelangt —, dann ist das Gerät ohne Notgas, wie es ein Fachbeitrag von Divesoft formuliert, nur noch ein sehr teures Tarierjackett. Derselbe Beitrag gibt die Entscheidungsregel knapp wieder: „When in doubt – Bailout!“ Wer erst analysiert, während der Kreislauf schon nicht mehr stimmt, verliert die Zeit, die der Aufstieg braucht.
Die Dringlichkeit ist dabei abgestuft. Ein nachlassender Scrubber oder eine zweifelhafte Sauerstoffanzeige erlaubt einen geordneten Ausstieg aus dem Kreis und einen kontrollierten Aufstieg. Ein Caustic Event oder eine Verletzung erlaubt das nicht — hier wird sofort gewechselt und die Dekompression auf offenem Kreislauf gefahren.
Wie viel Gas hinein muss
Hier liegen zwei Rechenwege vor, die sich ergänzen. TDI empfiehlt, mit einer Atemrate von mindestens 45 Litern pro Minute bis zum ersten Dekompressionsstopp zu rechnen, weil die Atmung im Notfall steigt — bei einem Kohlendioxiddurchbruch in den ersten Minuten noch stärker. Divesoft rechnet die Menge dagegen als das Eineinhalbfache dessen, was vom Punkt der größten Entfernung bis zum Ausgang benötigt wird, und beschreibt das praktisch so: statt des gewohnten Verbrauchs für die ersten fünf bis zehn Minuten etwa das Doppelte ansetzen und erst danach auf den Normalwert zurückgehen.
Zwei Grundsätze stehen über beiden Rechnungen. Erstens: Jeder Taucher trägt nach der Empfehlung von TDI und DAN genug Bailoutgas, um selbst an die Oberfläche zu kommen. Ein Team-Bailout, bei dem die Gruppe gemeinsam genug Gas für einen Partner mitführt, verlangt eigene Ausbildung und ein eingespieltes Team — es ist eine zusätzliche Sicherheitsmarge, keine Grundlage der Planung. Zweitens: Wer Dekompressionspflicht hat, braucht Gas für den Aufstieg und für die Stopps; ohne Dekompressionspflicht genügt eine Flasche für den Aufstieg. Ab etwa 80 Metern wird die Rechnung nach der Darstellung von TDI problematisch, weil die zusätzlichen Flaschen selbst Widerstand und Arbeit bedeuten.
Größen und Bauformen
DAN nennt als häufigste Flasche eine Aluminiumflasche mit 80 Kubikfuß, das sind rund 11 Liter Wasservolumen; für Dekompression und Bailout werden auch 40 Kubikfuß, rund 5,7 Liter, verwendet. Stahlflaschen sind in dieser Rolle selten, weil sie im Wasser negativ auftreiben und die Wasserlage verderben. Neben den offenen Bailoutflaschen gibt es die Möglichkeit, ein zweites Kreislaufgerät als Bailout mitzuführen; es muss dann, wie Divesoft schreibt, unabhängig funktionieren, nicht aber übertragbar sein. Für den Normalfall des Sport- und technischen Tauchens bleibt die offene Flasche die Lösung.
Was in der Praxis schiefgeht
Der häufigste Fehler ist keiner der Ausrüstung. Divesoft nennt ihn offen: Taucher setzen Idealwerte und Selbstbild über eine realistische Gasplanung. Dazu kommt, dass die Fähigkeiten für den offenen Kreislauf verkümmern, wenn man jahrelang nur im Kreis atmet — und der Wechsel fällt regelmäßig in den schlechtesten Moment, mit getrübter Sicht, Atemnot und schiefer Wasserlage.
Als Tauchlehrer rate ich zum gleichen Umgang wie bei jeder Reserve: Das Ventil wird vor dem Tauchgang geöffnet und kontrolliert, der Griff zum Bailoutautomaten wird mit Handschuhen und ohne Hinsehen geübt, und die Flasche wird im Logbuch nicht als Gasvorrat mitgezählt. Eine Reserve, die in die Planung einwandert, ist keine Reserve mehr.
Quellen
- TDI: What Bailout is Best for You? Rebreathers — Atemrate von mindestens 45 Litern pro Minute bis zum ersten Stopp, Gas für Aufstieg und Dekompression, individuelles Bailout gegenüber Team-Bailout, die Grenze bei etwa 80 Metern.
- DAN, Alert Diver: Decompression, Stage, and Bailout Cylinders — Abgrenzung der drei Flaschenarten, Mitführen über den ganzen Tauchgang, maximale Einsatztiefe des Bailoutgases, Größen von 80 und 40 Kubikfuß, Stahl als Ausnahme.
- Divesoft: Bailout procedures — „When in doubt – Bailout!“, die drei Dringlichkeitsstufen, das Eineinhalbfache des Rückwegbedarfs, der Bailout-Rebreather, der Hinweis auf Ego gegenüber realistischer Planung.
Zur Quellenlage: Herangezogen sind ein Ausbildungsverband des technischen Tauchens (TDI), eine Tauchsicherheitsorganisation (DAN) und ein Gerätehersteller (Divesoft). Eine Norm oder eine deutschsprachige Verbandsfestlegung zur Mindestmenge an Bailoutgas liegt nicht zugrunde; für CMAS, SSI und PADI ist keine vergleichbare Zahl veröffentlicht. Die TDI-Angabe ist in sich uneinheitlich: Genannt werden „45 l/min“ und „1.0 cf/min“ nebeneinander, obwohl ein Kubikfuß rechnerisch nur rund 28 Litern entspricht; wiedergegeben ist hier der metrische Wert, weil er der höhere und damit der sicherere ist. Die Angaben zu den Flaschengrößen stammen aus der US-amerikanischen Praxis und sind in Kubikfuß Gasvolumen gerechnet, nicht in Liter Wasservolumen.
