Mehrstufenprofil

Taucher schwebt dicht ueber einer Riffkante, hinter der das Riff steil ins dunkle Tiefblau abfaellt.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Ein Mehrstufenprofil ist ein Tauchgang, der nacheinander in mehreren Tiefenbereichen verbracht und für die Dekompression auch so verrechnet wird: Jede Stufe geht mit ihrer eigenen Tiefe und ihrer eigenen Zeit in die Rechnung ein, statt dass die gesamte Grundzeit auf die größte Tiefe bezogen wird. Das Gegenstück dazu ist das Rechteckprofil.

Zwei Bedeutungen desselben Wortes

Das Wort wird weit und eng gebraucht, und der Unterschied trägt. Weit gefasst meint es nach der englischsprachigen Übersicht zum Tauchprofil jeden Tauchgang, bei dem das Geschehen „takes place in more than one depth range“ — und damit praktisch jeden Sporttauchgang. Eng gefasst meint es eine Rechenweise: eine, bei der die Dekompression „is calculated based on the time spent in each of more than one depth range“. Nur die enge Bedeutung unterscheidet sich von der Tabellenrechnung.

Die Tiefenbereiche folgen dabei in der Regel den Stufen des benutzten Tabellenwerks. Vor der Verbreitung der Tauchcomputer war das nach derselben Darstellung „moderately common practice for advanced recreational diving“; gerechnet wurde zum Teil unter Wasser, mit einer Kunststoffkarte voller Tabellen in der Hand.

Was die Stufenrechnung ändert

Die gestufte Rechnung nimmt für jeden Abschnitt dessen größte Tiefe: „Stepped multi-level decompression calculation uses local maximum depth for each sector of the dive.“ Sie liegt damit zwischen den beiden Extremen — konservativer als die fortlaufende Rechnung eines Tauchcomputers, aber deutlich weniger konservativ als die Rechteckannahme. Der Gewinn steht in derselben Darstellung: Die Stufenrechnung „does not burden the diver with decompression obligation for all the time not spent at maximum depth“.

Ein Tauchcomputer tut von sich aus nichts anderes, nur feiner: Er misst Tiefe und Zeit in kurzen Abständen, und seine Rechnung ist damit ein Mehrstufenprofil in hoher Auflösung. Dass Nullzeit und Grundzeit zwischen Computer und Dekompressionstabelle für denselben Tauchgang auseinandergehen können, hat genau hier seinen Grund. Gerechnet werden in beiden Fällen dieselben Kompartimente, nur mit verschiedenen Eingangsdaten.

Die Reihenfolge der Stufen

Für den Verlauf empfiehlt die GTÜM, dass „die größte Tauchtiefe zu Beginn des Tauchgangs erreicht wird und danach zunehmend flachere Wassertiefen aufgesucht werden“; abweichende Profile beeinflussten die Stickstoffsättigung erheblich.

DAN setzt daneben einen Einwand, der sich lohnt. Wenn alles andere gleich sei, ergebe tief zuerst Sinn — die Reihenfolge der größten Tiefen könne aber auch unwichtig sein, denn „the body does not actually register whether inert gas accumulates at pressure A or pressure B“. Starr angewandt werde die Regel sogar schädlich, etwa wenn „an unnecessarily deep dive is conducted for no other reason than to allow a second deep dive“. Die beiden Aussagen schließen einander nicht aus, zielen aber verschieden: Die GTÜM beschreibt den sicheren Regelfall, DAN warnt vor der Regel als Selbstzweck.

Wie DAN ein Mehrstufenprofil zuschneidet

Dieselbe Darstellung nennt das Mehrstufentauchen „a good way to scratch that itch while maintaining good decompression safety“ und gibt zwei konkrete Hinweise. Erstens: Mit wachsender Maximaltiefe sollen Taucher „spend progressively more time at progressively shallower depths“. Zweitens liegt das Gewicht auf dem flachsten Abschnitt, denn „the high relative rate of pressure change in the shallowest zone makes it critical“ — für das meiste Sporttauchen ist das der Bereich flacher als 25 Fuß, also gut sieben Meter. Daraus folgt der Satz, der den Sicherheitsstopp einordnet: „The three-minute stop is good, but it is even better if it follows a progressive multilevel profile.“

Dazu nennt DAN einen Tauschhandel, den viele nicht auf der Rechnung haben: Von der Gasreserve, mit der man an die Oberfläche kommen soll, einen Teil für einen längeren flachen Abschnitt einzusetzen, sei „probably a high-benefit compromise“.

Umgekehrte Profile

Lange galt die Umkehrung als verboten — ein Wiederholungstauchgang, der tiefer ist als der vorherige, oder ein Tauchgang, dessen Tiefe während der Grundzeit zunimmt. Viele Sporttauchverbände hätten solche Profile „discouraged or even prohibited“, hält die Übersicht fest, ohne dass die Gründe klar ausgesprochen worden seien. Der Workshop der American Academy of Underwater Sciences von 1999 kam zu dem Ergebnis, es gebe keinen Beleg für ein Verbot: Weder die U.S. Navy noch der gewerbliche Bereich hätten umgekehrte Profile je untersagt, getaucht würden sie in allen Sparten, und für die Verbote lasse sich „no definite diving experience that indicates an increased risk of DCS“ benennen. Für Profile innerhalb der Nullzeit sei „no convincing evidence“ für ein messbar höheres Risiko vorgelegt worden.

Das ist keine Freigabe für beliebige Profile, sondern die Feststellung, dass die strenge Form der Regel nie belegt war. Die Empfehlung der GTÜM bleibt davon unberührt.

Was ein Mehrstufenprofil nicht ist

Ein Mehrstufenprofil geht in Stufen nach oben, nicht auf und ab. Das Sägezahnprofil ist etwas anderes: ein Profil, bei dem der Taucher mehrfach auf- und absteigt. Dazu ist die Lage deutlich — „each ascent and descent increases the risk of decompression sickness“, besonders wenn bereits Blasen vorhanden sind. Wie groß das Risiko ausfällt, hängt von Aufstiegsgeschwindigkeit, Höhe und Dauer des Ausflugs nach oben sowie von der Sättigung ab; eine genaue Bemessung war derselben Übersicht zufolge auch 2016 nicht möglich. Messbar sind erhöhte venenseitige Blasenzahlen im Doppler.

Als Tauchlehrer

In der Ausbildung ist das Mehrstufenprofil die ehrlichste Beschreibung dessen, was die Leute ohnehin tun: Kaum jemand bleibt eine halbe Stunde auf 30 Metern. Wichtig ist mir der zweite Teil des Gedankens. Wer die Stufen verrechnet, hebt eine Reserve, die vorher in der Rechteckannahme steckte. Was dabei herauskommt, gehört nicht in zusätzliche Grundzeit gesteckt, sondern in den flachen Abschnitt am Ende — genau dorthin, wohin DAN es auch legt.

Rechnet mein Tauchcomputer automatisch ein Mehrstufenprofil?
Der Sache nach ja. Ein Tauchcomputer misst Tiefe und Zeit in kurzen Abständen und rechnet mit der Tiefe, die tatsächlich anliegt — das ist eine Mehrstufenrechnung in sehr feiner Auflösung. Die gestufte Tabellenrechnung dagegen nimmt für jeden Abschnitt dessen größte Tiefe und liegt damit zwischen Computer und Rechteckannahme. Dass der Computer eine längere Nullzeit anzeigt als die Tabelle, ist keine Unstimmigkeit, sondern dieser Unterschied.
Muss der tiefste Abschnitt zuerst kommen?
Die GTÜM empfiehlt es ausdrücklich: größte Tiefe zu Beginn, danach zunehmend flacher. DAN hält dagegen, dass die Reihenfolge der größten Tiefen auch unwichtig sein kann, weil der Körper nicht registriert, bei welchem Druck das Inertgas aufgenommen wurde, und warnt davor, allein für die Reihenfolge einen unnötig tiefen Tauchgang zu machen. Als Planungsregel bleibt tief zuerst sinnvoll; als Dogma ist sie es nicht.
Ist ein Sägezahnprofil auch ein Mehrstufenprofil?
Nein. Das Mehrstufenprofil geht in Stufen nach oben, der Sägezahn mehrfach auf und ab. Nach der englischsprachigen Übersicht erhöht jeder einzelne Auf- und Abstieg das Risiko einer Dekompressionskrankheit, besonders wenn schon Blasen vorhanden sind. Beziffern lässt sich das nicht; messbar sind erhöhte venenseitige Blasenzahlen im Doppler.

Quellen

Zur Quellenlage: Die tragenden Begriffsbestimmungen stammen aus einem Wiki; eine Verbandsfundstelle, die das Wort „Mehrstufenprofil“ ausdrücklich definiert, liegt dieser Darstellung nicht zugrunde, und die GTÜM-Seite verwendet es nicht. Die Ergebnisse des Workshops von 1999 sind über dieselbe Wiedergabe zitiert, nicht nach dem Tagungsband. Die Zonengrenze von 25 Fuß stammt aus einer Darstellung in imperialen Maßen; die Umrechnung ist hier abgerundet wiedergegeben.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.