Die Innenohr-Dekompressionskrankheit ist eine Dekompressionskrankheit, die sich am Innenohr zeigt: mit Drehschwindel, Hörminderung oder einem Ohrgeräusch, meist einseitig und meist kurz nach dem Auftauchen. Sie ist die folgenreichste Verwechslung mit dem Innenohrbarotrauma — und wird entgegengesetzt behandelt. Gebräuchlich sind auch die Bezeichnungen vestibuläre Dekompressionskrankheit und Innenohr-DCS.
Warum gerade das Innenohr
Zwei Eigenschaften treffen hier zusammen. Die Tauchersprechstunde hält fest, dass das Innenohr zu den Geweben mit hohem Sauerstoffbedarf gehört, dabei aber nur eine geringe Gefäßreserve hat. Und die englischsprachige Übersicht beschreibt das Gleichgewichtsorgan als schlecht durchblutet — „the inner ear, particularly the vestibule, is poorly perfused“ —, weshalb es sich wie ein langsames Kompartiment verhält und lange braucht, um Inertgas wieder abzugeben.
Dazu kommt ein zweiter Weg: Blasen, die über einen Rechts-links-Shunt ins arterielle System gelangen. Ein persistierendes Foramen ovale war in auffällig vielen der beschriebenen Fälle beteiligt; als Mechanismus wird eine Embolie der Labyrintharterie diskutiert, ausdrücklich als Hypothese. Bei einem großen Shunt lagen die Beschwerden in den meisten Fällen auf der rechten Seite.
Der Weg ohne Druckänderung
Eine Innenohr-DCS kann auch ohne jeden Aufstieg entstehen, durch isobare Gegendiffusion. Wechselt ein Taucher auf ein heliumreiches Gemisch, diffundiert Helium schneller ins Gewebe, als Stickstoff herausdiffundiert — „helium diffuses into tissues faster than nitrogen diffuses out“. Die Summe der gelösten Gase steigt dann bei gleichbleibendem Umgebungsdruck, und das Gewebe kann übersättigen. Als Vorbeugung nennt dieselbe Quelle, Gaswechsel zu vermeiden, bei denen ein Verdünnungsgas mit stark abweichender Diffusionsgeschwindigkeit in hoher relativer Konzentration vorliegt. Für den Trimix-Bereich ist das der praktisch wichtigste Punkt dieses Eintrags.
Wie häufig, und was betroffen ist
Die Übersicht ordnet die Innenohrform mit etwa 5 bis 6 Prozent aller Fälle von Dekompressionskrankheit ein und schätzt die Häufigkeit auf 0,01 bis 0,03 Prozent der Sporttauchgänge. In einer Auswertung von 115 Fällen durch Gempp und Louge war in der Mehrzahl allein das Gleichgewichtsorgan betroffen; das Gehör war in etwa 25 Prozent der Fälle beteiligt. Zahlen von DAN zur Verteilung der Beschwerden gibt dieselbe Quelle mit Drehschwindel bei etwa 19,4 Prozent, Koordinationsstörungen bei 7,9 Prozent und Hörstörungen bei 2,1 Prozent an.
Woran man es merkt und wann
Am häufigsten ist ein plötzlicher Drehschwindel, oft mit Übelkeit und Erbrechen, dazu Hörminderung und Ohrgeräusch, häufig mit Augenzittern. Daneben kann jedes andere Zeichen einer Dekompressionskrankheit auftreten — Hautjucken, Gelenk- und Muskelschmerzen, Sensibilitätsstörungen, Lähmungen.
Zum Zeitpunkt nennt die Tauchersprechstunde ein beschwerdefreies Intervall von „5-120 min nach dem Tauchgang“. Die englischsprachige Übersicht gibt den Beginn mit meist innerhalb von etwa zwei Stunden an, häufig innerhalb von 30 Minuten und im Mittel 36 Minuten nach dem Auftauchen; gelegentlich setzen die Beschwerden schon während der Dekompression ein. Nach oben ist die Spanne nicht abschließend beschrieben: Die Tauchersprechstunde hält die maximale Latenz für noch nicht ausreichend bekannt und nennt als eigene Haltung, auch nach vier Tagen noch in die Druckkammer zu gehen.
Die Abgrenzung zum Barotrauma
Dieselben Beschwerden macht das Innenohrbarotrauma, und die Behandlung läuft in die andere Richtung. Welche Merkmale eher für die eine oder die andere Seite sprechen, ist unter Innenohrbarotrauma ausgeführt. Die englischsprachige Übersicht ergänzt zwei: Das Barotrauma macht eher eine Schallleitungs- oder kombinierte Schwerhörigkeit und setzt beim Ab- oder Aufstieg ein, oft nach Mühe beim Druckausgleich; die Dekompressionskrankheit macht eher eine Schallempfindungsschwerhörigkeit und setzt beim Aufstieg oder danach ein, mit tieferen Tauchgängen jenseits von 15 Metern, Heliumgemischen, Gaswechseln oder Wiederholungstauchgängen in der Vorgeschichte.
Entscheidend ist der Satz, der diese Merkmale relativiert: Dieselbe Quelle bezeichnet sie als „not reliable distinguishing factors“, hält fest, dass beides nebeneinander bestehen kann, und rät, bei jedem typischen Zeichen einer Dekompressionskrankheit auch so zu behandeln. Eine Rekompression, unter der die Beschwerden rasch zurückgehen, spricht für die Dekompressionskrankheit — bleibt die Besserung aus, schließt das sie jedoch nicht aus, weil sich inzwischen Ödem und Minderdurchblutung entwickelt haben können.
Behandlung
Als Erstmaßnahme nennt die Übersicht die höchstmögliche Sauerstoffkonzentration, wenn möglich 100 Prozent, und Flüssigkeitszufuhr bis zur Druckkammer. Die eigentliche Behandlung ist die Rekompression mit hyperbarem Sauerstoff, nach der Tauchersprechstunde „so schnell wie möglich“. Die US Navy Treatment Table 6 ist dafür erfolgreich eingesetzt worden; mehrere Behandlungen können nötig werden, wenn die Beschwerden bleiben oder wiederkehren.
Wie sehr es auf die Zeit ankommt, beziffert die Tauchersprechstunde deutlich: Die Aussicht auf vollständige Heilung sinke nach vier Stunden um 50 Prozent. Zugleich führt dieselbe Quelle einen veröffentlichten Fall an, in dem eine Behandlung nach mehr als 24 Stunden noch zur vollständigen Ausheilung führte — spät ist also nicht zwecklos. Lässt sich ein Barotrauma nicht ausschließen, empfiehlt sie die Kammerfahrt nach vorheriger Parazentese oder nach beidseitigem Einlegen von Belüftungsröhrchen, damit das Mittelohr belüftet ist.
Mittel gegen Schwindel und Übelkeit unterdrücken die Beschwerden, verringern aber den Gewebeschaden nicht. Das britische Diving Diseases Research Centre rät, mit Gleichgewichtstraining früh zu beginnen, weil der Körper einen Innenohrschaden auf diesem Weg ausgleichen kann.
Was danach bleibt
Die Prognosezahlen gehen erheblich auseinander, und das gehört zum Bild. Die Übersicht nennt einerseits, dass nur eine Minderheit vollständig genese und bei etwa 90 Prozent der tauchbedingten Gleichgewichtsstörungen leichte bis mittlere Restbeschwerden auf Dauer blieben. Andererseits führt sie eine finnische Auswertung über zwanzig Jahre an, nach der etwa 65 bis 70 Prozent vollständig genasen. Beide Angaben stehen dort nebeneinander. Vor der Rückkehr ins Wasser empfiehlt dieselbe Quelle eine Untersuchung von Gleichgewichtsorgan und Gehör sowie den Ausschluss eines Rechts-links-Shunts.
Was ich in der Ausbildung daraus mache
Drehschwindel nach einem Tauchgang ist kein Fall fürs Abwarten. Wer nach dem Auftauchen plötzlich schwankt, Übelkeit bekommt oder auf einem Ohr schlechter hört, gehört noch am selben Tag ärztlich gesehen, und beim Anruf gehört das Tauchprofil dazu: Tiefe, Zeit, Gaswechsel, Wiederholungstauchgänge. Zwei Dinge sage ich dabei immer. Sauerstoff geben, bevor man lange überlegt, welche der beiden Ursachen es ist — er schadet in keinem der beiden Fälle. Und niemanden mit solchen Beschwerden noch einmal ins Wasser lassen, auch nicht zum Ausprobieren.
Dieser Eintrag erklärt einen tauchmedizinischen Begriff und ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.
Quellen
- Die Tauchersprechstunde: Innenohr-DCS — hoher Sauerstoffbedarf und geringe Gefäßreserve des Innenohrs, Latenz von 5 bis 120 Minuten, Behandlung so schnell wie möglich, Halbierung der Heilungsaussicht nach vier Stunden, Parazentese und Belüftungsröhrchen im Zweifelsfall
- Wikipedia: Inner ear decompression sickness — schlechte Durchblutung des Gleichgewichtsorgans, Rechts-links-Shunt, isobare Gegendiffusion mit Helium, Häufigkeiten und Verteilung, Unterscheidungsmerkmale und ihre Grenzen, Erstmaßnahmen, Prognose, Voraussetzungen für die Rückkehr ins Wasser
- Diving Diseases Research Centre: Vestibular DCS — Informationen für Taucher — einseitige Störung des Gleichgewichtssystems, Schwierigkeit der Abgrenzung, mehrfache Kammerfahrten, frühzeitiges Gleichgewichtstraining
Zur Quellenlage: Die Häufigkeits-, Verteilungs- und Prognosezahlen stammen aus einem Wiki, das sie seinerseits aus Fallserien und aus DAN-Daten wiedergibt; die Arbeit von Gempp und Louge sowie die finnische Auswertung liegen dieser Darstellung nicht im Original zugrunde. Die Angaben zur Vierstundengrenze, zum Fall nach 24 Stunden und zur Parazentese stammen von einem einzelnen tauchmedizinischen Autor. Die beiden Prognoseangaben der Übersicht — nur eine Minderheit mit vollständiger Genesung einerseits, 65 bis 70 Prozent andererseits — stehen dort nebeneinander, ohne dass der Widerspruch aufgelöst wird. Eine deutschsprachige Leitlinienfassung speziell zur Innenohrform ist nicht herangezogen worden.
