Umkehrprofil

Zwei Taucher planen in der Oberflaechenpause an Bord den zweiten Tauchgang mit Tauchcomputer und Schreibtafel.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Ein Umkehrprofil liegt vor, wenn ein Wiederholungstauchgang tiefer führt als der vorangegangene — entgegen der Faustregel, den tiefsten Tauchgang zuerst zu machen. Ob Umkehrprofile das Risiko einer Dekompressionskrankheit erhöhen, war Gegenstand eines eigenen Workshops an der Smithsonian Institution im Jahr 1999.

Woher die Regel stammt

Die Regel „tiefster Tauchgang zuerst“ gehört zu den wenigen Sätzen, die jeder Taucher aus dem Grundkurs behält. Ihre Herkunft ist weniger fest als ihr Ruf. Glen H. Egstrom führt sie im Tagungsband des Workshops auf Auslegungen von Tabellenwerken zurück, in denen Tiefe und Grundzeit miteinander verglichen wurden — die Tabellen selbst verboten Umkehrprofile nicht. Als ausdrückliches Verbot sei die Regel erst in den siebziger Jahren formuliert worden. Sein Befund dazu, auf Seite 26: „A good deal of the provocative logic for avoiding the reverse dive profiles seems to have developed from anecdotal records.“ Und schon auf Seite 23: „Developing ‚rules‘ without sufficient data may well have been an important factor in the development of our current dilemma.“

Mark Powell nennt für TDI als Ursprung ein Handbuch aus dem Jahr 1974. John E. Lewis führt im selben Tagungsband als theoretische Grundlage die Tabellen der U.S. Navy an, deren Rechenverfahren Umkehrprofile benachteiligt.

Was 1999 untersucht wurde

Am 29. und 30. Oktober 1999 fand an der Smithsonian Institution ein Workshop zu genau dieser Frage statt; TDI nennt als Ausrichter DAN, AAUS, DEMA und die Zeitschrift Dive Training. Der Tagungsband ist 2000 unter dem Titel „Proceedings of the Reverse Dive Profiles Workshop“ erschienen, herausgegeben von M. A. Lang und C. E. Lehner, 295 Seiten.

Lewis’ Beitrag hält auf Seite 14 das Ergebnis seiner Literaturdurchsicht fest: Für die Annahme, ein Wiederholungstauchgang müsse flacher sein als der vorangehende, gebe es weder theoretische noch experimentelle Belege. Und weiter: „Repetitive deep decompression dives that do not push the limits do not seem to have the same problems.“

Die Grenzen, die genannt werden

Der Befund des Workshops wird heute in zwei Fassungen wiedergegeben, die man nebeneinanderstellen sollte, statt sich für eine zu entscheiden.

TDI gibt ihn als Verneinung eines Verbots wieder: Es gebe keinen Grund, Umkehrprofile zu untersagen, solange es sich um Nullzeit-Tauchgänge flacher als 40 Meter beziehungsweise 130 Fuß handelt und der Tiefenunterschied unter 12 Metern beziehungsweise 40 Fuß bleibt. DAN formuliert zurückhaltender: Der Workshop habe keine Abkehr vom Prinzip „tiefster Tauchgang zuerst“ empfohlen; es gebe lediglich keinen Hinweis darauf, dass die Umkehrung besonders schädlich sei, wenn beide Tauchgänge Nullzeit-Tauchgänge sind, flacher als 40 Meter liegen und sich um weniger als 12 Meter in der Tiefe unterscheiden.

Beide Zahlen sind gerundete Umrechnungen aus dem Imperialen: 130 Fuß sind 39,6 Meter, 40 Fuß sind 12,2 Meter. Bei einer Obergrenze gehört abgerundet — wer die Grenze ausreizen will, rechnet also mit knapp 40 Metern und mit 12 Metern, nicht mit 40 und 12,2.

DAN zieht daraus die praktische Konsequenz, dass im Wesentlichen Tauchgänge zwischen 12 und 30 Metern in Frage kommen, weil Nullzeit-Tauchgänge auf 40 Metern ohnehin unpraktikabel sind. Innerhalb dieser Grenzen zeige die heutige Datenlage kein nachweisbar erhöhtes Risiko einer Dekompressionskrankheit.

Tabelle und Computer antworten verschieden

Der interessanteste Satz des Tagungsbands steht nicht im Ergebnis, sondern in der Unterscheidung. Lewis schreibt auf Seite 14 über Computer mit Mehrstufenfunktion: „any rule to avoid reverse profiles would seem to be irrelevant.“ Auf derselben Seite, über Tabellennutzer: „the avoidance of reverse profiles is an important practical rule that results in more bottom time.“ Die Begründung ist also die längere Grundzeit, nicht ein geringeres Risiko.

Das ist kein Widerspruch, sondern eine Aussage über das Rechenwerkzeug. Eine Dekompressionstabelle rechnet mit einem Rechteckprofil und einer pauschalen Gruppe für den Reststickstoff; ein Tauchcomputer rechnet das tatsächliche Profil fortlaufend mit. Wer nach Tabelle taucht, hat deshalb Gründe, die Reihenfolge einzuhalten, die mit dem Körper nichts und mit dem Verfahren alles zu tun haben.

Was der Workshop nicht behandelt hat

DAN benennt eine Lücke, die in der Praxis gewachsen ist: das sogenannte Pseudo-Nullzeit-Tauchen. Gemeint ist ein Taucher, der seinen Computer bis in den Dekompressionsbereich führt, den Stopp aber vermeidet, indem er einen großen Teil des Tauchgangs in flacherem Wasser verbringt. Solche Profile hat der Workshop nach DAN nicht untersucht — der Befund von 1999 trägt sie also nicht.

Was in der Praxis bleibt

Dass eine Regel schlecht begründet war, macht sie nicht wertlos. TDI führt drei Gründe an, die unabhängig vom Risiko einer Dekompressionskrankheit weiter für den tiefen Tauchgang zuerst sprechen: Nach Tabelle bleibt so mehr Nullzeit insgesamt, die Gasreserve reicht für den flacheren Folgetauchgang besser, und auch der Druckausgleich spielt für die Reihenfolge eine Rolle.

Als Tauchlehrer halte ich es deshalb mit einer Unterscheidung, die sich im Kursraum gut vermitteln lässt: Der tiefe Tauchgang zuerst ist eine gute Planungsregel — er ist keine Sicherheitsregel in dem Sinn, in dem der Sicherheitsstopp oder die Aufstiegsgeschwindigkeit es sind. Wer die Reihenfolge einmal umkehren muss, weil die Strömung, das Boot oder die Gruppe es so ergeben, verletzt innerhalb der oben genannten Grenzen keine Sicherheitsregel. Wer sie planmäßig umkehrt und den Computer dabei in den Dekompressionsbereich führt, verlässt den Bereich, über den 1999 gesprochen wurde. Die Oberflächenpause zwischen beiden Tauchgängen gehört in beiden Fällen mit in die Planung.

Verwandte Profilformen behandeln die Einträge zum Rechteckprofil, zum Mehrstufenprofil und zum Sägezahnprofil; zur Reihenfolge mehrerer Tauchgänge an einem Tag siehe Wiederholungstauchgang.

Ist das Umkehrprofil jetzt erlaubt oder nicht?
Die beiden Wiedergaben des Workshopbefunds betonen Unterschiedliches. TDI gibt ihn als Verneinung eines Verbots wieder — kein Grund für ein Verbot bei Nullzeit-Tauchgängen flacher als 40 Meter und Tiefenunterschieden unter 12 Metern. DAN hebt hervor, dass der Workshop keine Abkehr vom Prinzip „tiefster Tauchgang zuerst“ empfohlen hat, sondern nur keinen Hinweis auf eine besondere Schädlichkeit innerhalb dieser Grenzen sah. Beides steht nebeneinander.
Gilt das auch für Dekompressionstauchgänge?
Nein. Die genannten Grenzen setzen Nullzeit-Tauchgänge voraus. Für tiefe Wiederholungstauchgänge mit Dekompression hält Lewis im Tagungsband lediglich fest: „Repetitive deep decompression dives that do not push the limits do not seem to have the same problems.“ Das ist eine Einschränkung, keine Freigabe. Das von DAN beschriebene Pseudo-Nullzeit-Tauchen hat der Workshop gar nicht untersucht.
Warum sagen Tabelle und Computer Unterschiedliches?
Weil sie verschieden rechnen. Lewis schreibt im Tagungsband, eine Regel gegen Umkehrprofile erscheine bei Computern mit Mehrstufenfunktion unerheblich, während sie für Tabellennutzer eine wichtige praktische Regel bleibe — weil sie mehr Grundzeit ergibt. Die Tabelle arbeitet mit einem Rechteckprofil und einer pauschalen Reststickstoffgruppe, der Computer mit dem tatsächlich getauchten Profil.

Quellen

  • Proceedings of the Reverse Dive Profiles Workshop (Smithsonian Institution, 2000) — Tagungsband zum Workshop vom 29. und 30. Oktober 1999, herausgegeben von M. A. Lang und C. E. Lehner, 295 Seiten. Daraus die Beiträge von Glen H. Egstrom (ab Seite 22; die beiden Zitate auf den Seiten 23 und 26) und John E. Lewis (Seiten 3 bis 21; Literaturdurchsicht, U.S.-Navy-Tabellen und die drei Zitate auf Seite 14).
  • TDI/SDI, Mark Powell: Decompression Myths, Teil 3 — Wiedergabe des Workshopbefunds mit den Grenzen 40 Meter/130 Fuß und 12 Meter/40 Fuß, das Handbuch von 1974 als Ursprung der Regel, die drei praktischen Gründe für den tiefen Tauchgang zuerst.
  • DAN: Reverse Profiles — do we have it backwards? — die drei Bedingungen, der ausdrückliche Hinweis, dass der Workshop keine Abkehr von „tiefster Tauchgang zuerst“ empfohlen hat, der praktische Bereich von 12 bis 30 Metern, das nicht untersuchte Pseudo-Nullzeit-Tauchen.

Die Zahlenangaben 40 Meter und 12 Meter stammen aus den Wiedergaben von TDI und DAN, nicht aus dem Schlussabschnitt des Tagungsbands selbst; dieser steht dort auf Seite 290. Die Beiträge von Egstrom und Lewis sind dagegen nach dem Tagungsband wiedergegeben. Eine deutschsprachige Verbands- oder Leitlinienfundstelle zum Umkehrprofil liegt dieser Darstellung nicht zugrunde; von den vier Ausbildungsverbänden ist allein TDI herangezogen.

Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.