Freiflow

Abblasende zweite Stufe eines Tauchatemreglers mit kräftigem Blasenstrom in kaltem, dunkelgrünem Wasser.
Illustration, mit Google Gemini erzeugt.

Freiflow nennen Taucher den Zustand, in dem ein Lungenautomat ununterbrochen Atemgas abgibt, ohne dass jemand daran atmet — auf Deutsch das Abblasen. Das Gas strömt frei aus Mundstück und Ausatemventil, bis der Vorrat erschöpft oder das Flaschenventil geschlossen ist. Im kalten Wasser steht dahinter meist eine Vereisung der ersten Stufe.

Was im Gerät passiert

Der Freiflow ist kein Defekt der zweiten Stufe, sondern in der Regel ihre Reaktion auf einen zu hohen Mitteldruck. Der Infobrief der Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes zur Kaltwassertauglichkeit von Atemreglern beschreibt die Kette in einem Satz: Ein Eiskristall auf dem Kolben lässt das Ventil der ersten Stufe später schließen, der Mitteldruck steigt, „und der Lungenautomat bläst aus Sicherheitsgründen ab“. Das Abblasen ist damit die Schutzfunktion, nicht der Schaden — die zweite Stufe gibt den Überdruck nach außen ab, statt ihn zu halten.

Die Kälte, die das auslöst, entsteht am Druckminderer selbst. Die Wasserwacht benennt den Joule-Thomson-Effekt an der Drossel als Hauptursache und hält fest, dass die Abkühlung von Gasart, Gasdruck und Gasmenge abhängt: „Je mehr Gas fließt, umso kälter wird es.“ Schon wenig Feuchtigkeit im Atemgas, im Druckminderer oder in der Flasche genügt dort zur Eisbildung. Welcher Mitteldruck der Normalfall ist, nennen die Hersteller selbst — Scubapro gibt für seine Geräte 9,2 bis 10 bar an.

Der Rückkopplungskreis

Das Unangenehme am Freiflow ist, dass er sich selbst verstärkt. Die Praktikerdarstellung von intotheplanet.com beschreibt für kolbengesteuerte erste Stufen, wie Eis den Kolben in der offenen Stellung festsetzt; der größere Gasstrom kühlt stärker, das Eis wächst, und daraus wird ein „vicious feedback loop of more air, more ice and a runaway free flow“. Dieselbe Quelle weist darauf hin, dass der Überdruck bis in die zweite Stufe durchschlagen und den Mitteldruckschlauch zum Platzen bringen kann.

Dazu passt der Befund der Wasserwacht zum Zeitpunkt: Bei Unfällen trat die Vereisung meist zu Tauchbeginn auf, wenn die größte Tiefe erreicht war und der Abstieg durch intensive Inflatorbedienung gebremst wurde. Gleichzeitig atmen, Jacket füllen und gegebenenfalls einen Trockenanzug beblasen — das ist der Lastfall, in dem der Druckminderer am meisten Gas durchlässt und am stärksten abkühlt. Dieselbe Erscheinung erzeugt die Luftdusche willentlich; deshalb steht in der Anleitung der Wasserwacht, sie beim Spülen des Automaten nicht zu drücken, sondern die Ventilöffnungen mit dem Daumen zu verschließen.

Was Kaltwasser heißt

Die Wasserwacht zieht die Grenze bei einer Wassertemperatur unter plus zehn Grad Celsius und hält für Deutschland fest, dass alle Freigewässer als Kaltwasser gelten, weil auch in geringer Tiefe jederzeit niedrige Temperaturen herrschen können. Für die Ausrüstung folgt daraus die Empfehlung zweier getrennter, vollständiger kaltwassertauglicher Atemregler. Die Norm, auf die das Papier sich stützt, ist die DIN EN 250 in der Fassung von Juli 2014; seit dieser Fassung muss nach derselben Darstellung auch das Notfall-Atemsystem den Anforderungen der Norm entsprechen. Das Gerät ist persönliche Schutzausrüstung der Kategorie III, und die Kombination von Druckminderer und Lungenautomat muss vom Hersteller zugelassen sein — ein Umbau mit Fremdteilen ist nicht erlaubt.

Was zu tun ist

Ein abblasender Automat liefert noch Gas, aber schlecht. Die Wasserwacht formuliert das vorsichtig: Beim Abblasen ist die Atemversorgung „nur bedingt möglich“ — man kann aus dem Blasenstrom atmen, verliert dabei aber Vorrat in erheblichem Tempo und kühlt weiter aus. Die Praktikerquelle nennt deshalb zwei Schritte in dieser Reihenfolge: auf die unabhängige Reserve wechseln und dann das Ventil der abblasenden Flasche zudrehen. Beides setzt voraus, dass es eine zweite, getrennte Gasquelle gibt und dass der Griff zum Ventil geübt ist.

Vorbeugend nennt dieselbe Quelle: Membrangeregelte erste Stufen gegenüber kolbengeregelten bevorzugen, weil beim Kolben Wasser in den Federstellraum gelangt; Jacket oder Anzug nicht im selben Atemzug beblasen, in dem man einatmet; schwere Atmung und Luftdusche vermeiden; die zweite Stufe vor dem Abstieg unter Wasser zwei- bis dreimal anatmen; Flasche, Gas und Staubschutzkappe trocken halten; und die Tiefe so wählen, dass ein freier Aufstieg jederzeit möglich bleibt, wenn keine Redundanz dabei ist.

Abgrenzung: Abblasen ist nicht Verschluss

Die beiden Vereisungsfälle führen zu entgegengesetzten Bildern, und das ist der Punkt, an dem in Kursen am meisten durcheinandergeht. Die äußere Vereisung setzt den Federstellraum oder die Membran der ersten Stufe zu und endet im Freiflow — zu viel Gas. Die innere Vereisung bildet Eiskristalle, die der Sinterfilter am Eingang der ersten Stufe auffängt, bis die Luftzufuhr unterbrochen ist — kein Gas. Der Eintrag zur Vereisung behandelt die Ursachen beider Fälle, dieser Eintrag das Erscheinungsbild des ersten.

Aus der Ausbildung

Als Tauchlehrer sehe ich beim Freiflow fast immer dieselbe Reihenfolge schiefgehen: Der Taucher versucht zuerst, den abblasenden Automaten zu retten — schütteln, drücken, umdrehen —, statt auf den Oktopus oder die unabhängige Reserve zu wechseln. In dieser Minute geht der halbe Flaschenvorrat weg. Das Zweite ist das Flaschenventil: Wer es im Trockenen nie gegriffen hat, findet es im Kaltwasser mit dicken Handschuhen nicht. Und das Dritte: Ein abblasender Automat ist ein Grund, den Tauchgang zu beenden, nicht ein Grund für einen Notaufstieg — gestiegen wird kontrolliert, notfalls aus dem Blasenstrom atmend.

Quellen

  • DRK Wasserwacht: Info Kaltwassertauglichkeit Atemregler (2016, PDF) — der Joule-Thomson-Effekt an der Drossel, der Satz zum ansteigenden Mitteldruck und zum Abblasen des Lungenautomaten, die Zehn-Grad-Grenze, die Empfehlung zweier Atemregler, DIN EN 250:2014 und die Kategorie-III-Einordnung, der Hinweis zur Luftdusche beim Spülen.
  • intotheplanet.com: Regulators and Cold Water — der Rückkopplungskreis am festgesetzten Kolben, der geplatzte Mitteldruckschlauch, die Reihenfolge Bailout vor Ventilschluss, Membran gegenüber Kolben, die Vorbeugungsliste. Praktikerquelle ohne Normbezug.
  • Zur Quellenlage: Eine Verbandsfundstelle von CMAS, SSI oder PADI, die den Freiflow unter diesem Namen behandelt, liegt dieser Darstellung nicht zugrunde — der Begriff ist Werkstatt- und Kursjargon. Der Mitteldruckbereich von 9,2 bis 10 bar ist eine Herstellerangabe von Scubapro, keine Norm. Zahlen dazu, wie viel Gas ein abblasender Automat je Minute abgibt, nennt keine der Quellen; sie stehen deshalb hier nicht.
Kann man aus einem abblasenden Automaten atmen?
Bedingt. Die Wasserwacht nennt die Atemversorgung beim Abblasen „nur bedingt möglich“. Man kann dem Blasenstrom Gas entnehmen, verliert aber viel Vorrat und kühlt weiter aus. Die Praktikerquelle empfiehlt deshalb, so früh wie möglich auf eine unabhängige Reserve zu wechseln und das Ventil der abblasenden Flasche zuzudrehen.
Warum blasen Automaten im kalten Wasser ab und nicht im warmen?
Weil die Abkühlung am Druckminderer sich zur Wassertemperatur addiert. Die Wasserwacht führt die Abkühlung auf den Joule-Thomson-Effekt an der Drossel zurück und hält fest, dass sie mit dem Gasstrom wächst. Unter plus zehn Grad Celsius — für Deutschland praktisch jedes Freigewässer — reicht dann wenig Feuchtigkeit, um Eis auf dem Kolben zu bilden, das das Ventil der ersten Stufe später schließen lässt.
Ist ein Freiflow dasselbe wie eine Vereisung?
Nein. Die Vereisung ist eine Ursache, der Freiflow ein Erscheinungsbild. Und nicht jede Vereisung endet im Freiflow: Die innere Vereisung setzt den Sinterfilter am Eingang der ersten Stufe zu und unterbricht die Luftzufuhr — der entgegengesetzte Fall. Zum Freiflow führt vor allem die äußere Vereisung am Federstellraum oder an der Membran.
Über Tauchbuddy 8 Artikel
Der Tauchbuddy erzählt in der Reihe „Mein erster …“, wie sich die ersten Nacht-, Wrack- und Trockentauchgänge anfühlen, und stellt die Fragen, die man sich als Taucher im ersten Jahr stellt.