Tauchgangsplanung: die vier Zahlen, die vor jedem Tauchgang feststehen müssen

Grundlagen der Tauchgangsplanung
Grundlagen der Tauchgangsplanung

Tauchgangsplanung auf einen Blick

  • Vier Zahlen machen den Plan: maximale Tiefe, geplante Grundzeit, Umkehrdruck und Reservedruck. Alles andere ergibt sich daraus.
  • Mit 35 bar auftauchen — so steht es im SSI-Manual. Das ist die Reserve, mit der man oben ankommt, nicht die, mit der man den Aufstieg beginnt.
  • Der Umkehrdruck wird gerechnet, nicht geschätzt — und zwar mit dem doppelten Atemminutenvolumen, weil im Zwischenfall zwei Taucher aus einer Flasche atmen.
  • Die Aufstiegsgeschwindigkeit ist Verbandssache: SSI lehrt 9 m/min, PADI 18, CMAS und VDST je 10. Es gibt keine allgemeingültige Zahl.
  • Der Plan gilt für den, der weniger Luft hat — und für die geringere Erfahrung. Nicht für den Durchschnitt.

Tauchgangsplanung klingt nach Formularen und ist in Wahrheit ein Gespräch von fünf Minuten am Steg, in dem vier Zahlen festgelegt werden. Wer diese vier Zahlen hat, kann unter Wasser aufhören nachzudenken und anfangen zu tauchen — und genau das ist der Zweck.

Dieser Beitrag geht die vier Zahlen durch, erklärt, womit man sie ausrechnet, und beschreibt, wo Tauchcomputer helfen und wo sie in die Irre führen. Das Partnerprinzip, zu dem die Absprache gehört, steht im Beitrag zum Buddy-System; der Kursrahmen in der Grundausbildung.

Die vier Zahlen, aus denen ein Tauchplan besteht

  • Maximale Tiefe. Nicht „mal sehen, wie tief es wird“ — eine Zahl, die vorher feststeht. Sie bestimmt alles Weitere: Nullzeit, Luftverbrauch, bei Nitrox auch die maximale Einsatztiefe des Gemischs.
  • Geplante Grundzeit. Die Zeit vom Verlassen der Oberfläche bis zum Beginn des Aufstiegs — nicht die Gesamtdauer des Tauchgangs. Mit ihr rechnet jede Tabelle.
  • Umkehrdruck. Der Flaschendruck, bei dem gewendet wird. Er ergibt sich aus dem Weg zurück, nicht aus einem Bauchgefühl.
  • Reservedruck. Was beim Auftauchen noch in der Flasche sein soll. SSI lehrt: mit 35 bar auftauchen.

Dazu kommen die Dinge, die keine Zahlen sind, aber ins selbe Gespräch gehören: Wer führt, welche Handzeichen gelten, was bei Trennung passiert, und ob der Tauchgang überhaupt stattfindet. SSI führt diese Punkte ausdrücklich als Teil des Briefings vor dem Tauchgang.

Die Grundregel, die über allen vier Zahlen steht: Geplant wird nach dem Taucher, der weniger Luft hat und weniger Erfahrung — nicht nach dem Mittelwert und schon gar nicht nach dem Stärkeren.

Der Umkehrdruck: die Zahl, die am häufigsten fehlt

Von den vier Zahlen ist der Umkehrdruck die, die am seltensten ausgesprochen wird — und die einzige, die man wirklich rechnen muss.

Der Gedanke dahinter: Am Umkehrpunkt muss noch genug Gas in der Flasche sein, um den Weg zurück zu schaffen — und zwar für zwei Taucher. Wenn unterwegs einer ohne Luft dasteht, atmen beide aus einer Flasche. Deshalb wird mit dem doppelten Atemminutenvolumen gerechnet, nicht mit dem eigenen.

In die Rechnung gehen ein: das eigene Atemminutenvolumen, die Tiefe (weil die Luft dort dichter ist), die Zeit für den Rückweg, ein Zuschlag für das Problem selbst und der Aufstieg samt Sicherheitsstopp. Den Umkehrdruck-Rechner gibt es hier; er zeigt jede Zwischenzeile einzeln, damit man sieht, woraus die Zahl entsteht.

Die Drittelregel — ein Drittel hin, ein Drittel zurück, ein Drittel Reserve — ist die einfachere Variante. Sie stammt aus Umgebungen, in denen man nicht einfach auftauchen kann: Höhle, Wrackinneres, unter Eis. Im Freiwasser ist sie meist konservativer als nötig, und genau deshalb ist sie ein guter Einstieg für jeden, der noch kein Gefühl für seinen Verbrauch hat.

Im geprüften SSI-Material taucht der Begriff „Umkehrdruck“ nicht auf. Belegt ist dort die Reserve beim Auftauchen von 35 bar. Die Umkehrdruck-Rechnung ist damit kein Verbandsstandard, sondern gute Praxis — und sie schließt genau die Lücke zwischen „irgendwann umdrehen“ und „mit 35 bar oben ankommen“.

Tabelle oder Computer — und warum die Antwort beides ist

Eine Dekompressionstabelle sagt, wie lange man auf einer bestimmten Tiefe bleiben kann, ohne einen Dekompressionsstopp einlegen zu müssen. Sie rechnet mit dem Rechteckprofil — also so, als wäre man die ganze Grundzeit auf der maximalen Tiefe gewesen. Das ist konservativ und nachvollziehbar: Man sieht die Zahl, bevor man ins Wasser geht.

Ein Tauchcomputer rechnet dagegen das tatsächliche Profil mit und schenkt einem dadurch Zeit — er weiß, dass man die meiste Zeit flacher war. Er zeigt aktuelle Tiefe, Tauchzeit, maximale Tiefe, verbleibende Nullzeit, Wassertemperatur und warnt bei zu schnellem Aufstieg.

Der Punkt, an dem beide gebraucht werden: Der Computer rechnet mit, er plant nicht. Er sagt einem während des Tauchgangs, wie viel Nullzeit noch übrig ist — aber er hat nicht vorher entschieden, wie tief und wie lange man will und ob das Gas dafür reicht. Diese Entscheidung fällt an Land, mit Tabelle oder Kopf.

Zwei Dinge, die dabei zu beachten sind:

  • Jeder Taucher hat seinen eigenen Computer und folgt dem konservativeren. Zwei Geräte zeigen selten dasselbe; wer sich am großzügigeren orientiert, hat den Vorteil des Partners ohne dessen Profil getaucht zu haben.
  • Elektronik fällt aus. Batterie leer, Display beschlagen, Gerät nicht mitgenommen. Wer seinen Plan nur im Computer hat, hat dann keinen. Deshalb die vier Zahlen vorher aussprechen — sie funktionieren auch ohne Strom.

Der Aufstieg gehört in den Plan

Der Aufstieg ist der Teil des Tauchgangs, in dem die Dekompression tatsächlich stattfindet — und der am häufigsten improvisiert wird.

Die Aufstiegsgeschwindigkeit ist nicht einheitlich geregelt. SSI unterrichtet höchstens 9 Meter pro Minute, PADI nennt 18, CMAS und VDST je 10. Wer wissen will, welche Zahl für ihn gilt, sieht im Material seines eigenen Verbandes nach — und nimmt im Zweifel die langsamere. Die Einzelheiten stehen im Lexikoneintrag Aufstiegsgeschwindigkeit.

Dazu der Sicherheitsstopp: drei bis fünf Minuten auf fünf Metern. Bei SSI steht er im Kursmaterial für jeden Tauchgang, besonders bei Tauchgängen tiefer als zehn Meter; die Verbände handhaben die Verbindlichkeit unterschiedlich. Er kostet nichts außer Zeit, und die Zeit muss beim Gas eingeplant sein — das ist der Zusammenhang zum Reservedruck.

Und der Fehler, der alle Planung wertlos macht: Wer erst beim Sicherheitsstopp merkt, dass die Luft knapp wird, hat den Umkehrdruck falsch gerechnet oder ihn ignoriert. Der Stopp ist kein Bonus, den man weglässt, wenn es eng wird — er ist der Teil des Tauchgangs, für den man das Gas zurückgelegt hat.

Planung fängt über Wasser an

Zwei Dinge gehören zum Tauchplan, die mit dem Tauchgang selbst noch nichts zu tun haben.

Der Weg zum Tauchplatz. Vom Steg aus ist das keine Frage; wenn der Platz mit dem Boot angefahren wird, schon. Ein GPS-Gerät oder eine Handy-App mit gespeicherten Koordinaten spart Suchen — und beim Rückweg auch. Dasselbe gilt für die Einstiegsstelle an einem See, die man aus dem Wasser anders wiederfindet als vom Ufer aus.

Der Ausstieg. Wo geht es raus, und geht es dort auch raus, wenn Wind aufkommt? Ein Ausstieg, der beim Einsteigen bequem war, kann eine Stunde später gegen die Welle liegen. Das ist kein Sonderfall an der Küste, sondern normal — und es gehört in dasselbe Fünf-Minuten-Gespräch.

Was ich bei der Planung am häufigsten korrigiere

Keine Zahl für den Umkehrpunkt. „Wir schauen mal“ ist die häufigste Antwort auf die Frage nach dem Umkehrdruck. Sie führt dazu, dass umgedreht wird, wenn einer sich unwohl fühlt — und das ist später als nötig.

Nach dem Stärkeren geplant. Zwei Taucher, einer verbraucht 14 Liter pro Minute, der andere 22. Wird nach dem Ersten geplant, steht der Zweite am Ende mit 40 bar da, während der Erste noch 90 hat. Geplant wird nach dem, der mehr verbraucht — immer.

Die Grundzeit mit der Tauchzeit verwechselt. Die Grundzeit endet, wenn der Aufstieg beginnt. Wer Aufstieg und Sicherheitsstopp mitzählt, geht mit der falschen Zahl in die Tabelle und liest die falsche Zeile.

Und eine Gewohnheit, die ich jedem empfehle, der sein Gas besser einschätzen will: Nach dem Tauchgang die tatsächlichen Werte notieren — Anfangsdruck, Enddruck, mittlere Tiefe, Zeit. Nach zehn Tauchgängen kennt man sein eigenes Atemminutenvolumen genauer als jede Faustregel, und die Planung wird von einer Schätzung zu einer Rechnung. Wie man es ausrechnet, steht im Luftverbrauchsrechner.

Häufige Fragen zur Tauchgangsplanung

Mit wie viel bar soll ich auftauchen?
SSI lehrt: mit 35 bar auftauchen. Das ist die Reserve, mit der du oben ankommen sollst — nicht der Druck, bei dem du den Aufstieg beginnst. Der Aufstieg samt Sicherheitsstopp kostet selbst Gas, und das muss vorher eingeplant sein.
Wie rechne ich meinen Umkehrdruck aus?
Aus deinem Atemminutenvolumen, der Tiefe, der Zeit für den Rückweg und einem Zuschlag für den Zwischenfall — gerechnet mit dem doppelten Atemminutenvolumen, weil im Ernstfall zwei Taucher aus einer Flasche atmen. Unser Umkehrdruck-Rechner macht das und zeigt jede Zwischenzeile einzeln.
Was ist der Unterschied zwischen Grundzeit und Tauchzeit?
Die Grundzeit läuft vom Verlassen der Oberfläche bis zum Beginn des Aufstiegs. Die Tauchzeit umfasst zusätzlich Aufstieg und Sicherheitsstopp. Jede Dekompressionstabelle rechnet mit der Grundzeit — wer die Tauchzeit einsetzt, liest die falsche Zeile.
Brauche ich noch Tabellen, wenn ich einen Tauchcomputer habe?
Zum Planen ja, zum Mitrechnen nein. Der Computer sagt dir während des Tauchgangs, wie viel Nullzeit übrig ist — er entscheidet aber nicht vorher, wie tief und wie lange du willst und ob dein Gas dafür reicht. Dazu kommt: Batterien fallen aus. Wer seinen Plan nur im Gerät hat, hat dann keinen.
Was mache ich, wenn mein Buddy und ich unterschiedliche Computer haben?
Beide tauchen nach dem konservativeren Gerät. Zwei Computer zeigen selten dieselbe Nullzeit, weil sie unterschiedliche Modelle und Einstellungen verwenden. Wer sich am großzügigeren orientiert, taucht ein Profil, für das sein eigenes Gerät ihn nicht freigegeben hätte.
Wie schnell darf ich auftauchen?
Das hängt von deinem Verband ab: SSI unterrichtet höchstens 9 Meter pro Minute, PADI nennt 18, CMAS und VDST je 10. Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht. Nimm die deines Verbandes und im Zweifel die langsamere — besonders in den letzten zehn Metern, wo die relative Druckänderung am größten ist.
Ist die Drittelregel auch im Freiwasser sinnvoll?
Sie stammt aus Umgebungen, in denen man nicht einfach auftauchen kann — Höhle, Wrackinneres, unter Eis. Im Freiwasser ist sie meist konservativer als nötig. Genau deshalb ist sie ein guter Einstieg, solange du deinen eigenen Verbrauch noch nicht kennst: eine einfache Regel, die auf der sicheren Seite liegt.

Siehe auch: Die Grundausbildung · Das Buddy-System · Umkehrdruck-Rechner · Luftverbrauch berechnen · Lexikon: Nullzeit

Quellen und weiterführende Links

  • SSI, Open Water Diver Instructor Manual, deutsche Ausgabe vom 06.08.2026 — die Reserve von 35 bar beim Auftauchen, die Lernziele zur Tauchgangsplanung und die Punkte des Briefings vor dem Tauchgang.
  • Die Aufstiegsgeschwindigkeiten stammen aus den Originaldokumenten der Verbände: SSI Open Water Diver Instructor Manual (9 m/min), PADI Standard Safe Diving Practices (18 m/min), CMAS Fact Sheet „Correct Ascent Rate“ vom 14.08.2025 (10 m/min), VDST-Sicherheitsstandards gültig ab 01.01.2026 (10 m/min).
  • Ausdrücklich nicht belegt: Der Begriff „Umkehrdruck“ kommt im geprüften SSI-Material nicht vor. Die Rechnung dahinter ist gute Praxis, kein Verbandsstandard — belegt ist dort nur die 35-bar-Reserve.
  • Kursmaterial der Verbände ist urheberrechtlich geschützt und nicht frei verfügbar; wiedergegeben sind die Zahlen, nicht der Wortlaut.
  • Öffentlich abrufbar: CMAS Fact Sheet „Correct Ascent Rate“ (10 m/min) · PADI: Standard Safe Diving Practices (18 m/min) · VDST-Sicherheitsstandards, gültig ab 01.01.2026 (10 m/min) · ausführlich im Beitrag Aufstiegsgeschwindigkeit beim Tauchen
Über Der Tauchausbilder 51 Artikel
Schreibt über Ausbildung: Kursaufbau, Prüfungen, Übungen und das, was Tauchlehrer ihren Schülern gern früher gesagt hätten. Bildet nach SSI- und CMAS-Standards aus.

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