Gradientenfaktoren einstellen: Low und High verstehen

Taucher, der Gradientenfaktoren einstellt, kontrolliert während eines Stopps seinen Tauchcomputer.
Gradientenfaktoren beeinflussen das berechnete Aufstiegsprofil eines Bühlmann-Tauchcomputers.

Wer an einem Bühlmann-Tauchcomputer die Gradientenfaktoren einstellen will, verändert nicht einfach einen allgemeinen Sicherheitsregler. Die beiden Werte beeinflussen, wann die berechnete Dekompression beginnt und wie viel rechnerische Inertgasübersättigung der Computer bis zur Oberfläche zulässt. Gerade bei anspruchsvolleren Profilen lohnt es sich, GF Low und GF High nicht als bloße Zahlenkombination zu betrachten. Du solltest verstehen, welche Modellgrenzen sie verschieben, wie daraus Stopptiefen und Stopplängen entstehen und warum eine Einstellung immer zu Planung, Gasen, Ausbildung und Gerät passen muss.

Wie das Modell Grenzwerte setzt

Taucher mit Tauchcomputer vor einer blauen Steilwand und grafischen Symbolen für Druckgrenzen.

Theoretische Kompartimente statt echter Organe

Wenn du an deinem Tauchcomputer die Gradientenfaktoren einstellen willst, greifst du in ein Modell ein, das keine echten Körperteile abbildet. Das Bühlmann-Modell rechnet nicht mit Muskel, Fett oder Gehirn, sondern mit theoretischen Gewebekompartimenten. Jedes davon steht für eine bestimmte Ein- und Ausgasgeschwindigkeit von Inertgas, nicht für ein konkretes Organ.

Beim verbreiteten ZH-L16 sind das 16 solcher Kompartimente, von sehr schnellen bis sehr langsamen. Schnelle Kompartimente nehmen Inertgas innerhalb von Minuten auf und geben es beim Aufstieg auch wieder rasch ab. Langsame Kompartimente reagieren über viele Stunden; sie werden vor allem bei langen, tiefen oder wiederholten Tauchgängen relevant. Bei heliumhaltigen Gasen rechnet dein Computer zusätzlich mit eigenen, schnelleren Helium-Kompartimenten.

Alle Kompartimente laufen parallel. Je nach Tauchprofil bestimmt mal ein schnelleres, mal ein langsameres davon die Berechnung. Das erklärt einen Kernpunkt der Gradientenfaktoren: Die beiden Werte sind keiner bestimmten Gewebeart zugeordnet. Sie wirken auf das gesamte Kompartimentmodell gleichzeitig, unabhängig davon, welches Gewebe gerade führend ist.

Der M-Wert als Kipppunkt

Übersättigung ist im Bühlmann-Modell nicht per se ein Problem. Es kommt darauf an, wie weit der Inertgasdruck im Modellgewebe über dem Umgebungsdruck liegen darf. Diese Obergrenze nennt sich M-Wert. Erreicht das führende Gewebe diesen Wert, gilt der weitere Aufstieg als rechnerisch nicht mehr zulässig – du bekommst eine Ceiling oder einen Stopp angezeigt. Ohne zusätzliche Konservativität wäre genau dieser M-Wert die Grenze, bis zu der du aufsteigen dürftest.

Gradientenfaktoren setzen diese Grenze tiefer an. Sie legen fest, welcher Anteil des Abstands zwischen Umgebungsdruck und M-Wert überhaupt genutzt werden darf. Ein Faktor von 100 % entspricht der vollen, ursprünglichen Bühlmann-Grenze. Ein niedrigerer Wert lässt nur einen Teil dieser Übersättigung zu und schafft rechnerisch mehr Abstand zum M-Wert. Rein rechnerisch würde 0 % dem Umgebungsdruck entsprechen, 100 % exakt dem M-Wert selbst.

Dein Computer prüft während des gesamten Aufstiegs fortlaufend, ob die berechnete Übersättigung noch innerhalb dieser abgesenkten Grenze bleibt – nicht, ob überhaupt keine Übersättigung vorliegt.

Was die Werte jeweils steuern

Tauchcomputer am Handgelenk zeigt getrennte Anzeigen für GF Low und GF High.

Der erste Wert im Paar

Der erste Wert eines Gradientenfaktor-Paars ist GF Low. Du legst damit fest, bei welchem Anteil des zulässigen M-Wert-Gradienten dein Computer beim Aufstieg den ersten Dekompressionshalt ansetzt. Dieser Wert steuert also vor allem eine Tiefe, nicht eine Dauer.

Wählst du GF Low niedrig, verlangt der Computer schon bei geringerer Gewebe-Übersättigung einen Halt. Der erste Stopp liegt dadurch tiefer im Wasser. Setzt du GF Low höher, darfst du weiter aufsteigen, bevor überhaupt ein Halt nötig wird; der erste Stopp verschiebt sich entsprechend nach oben.

Bei einer Kombination wie 30/70 steht die 30 für GF Low. Der Computer setzt den ersten Halt an, sobald das führende Gewebekompartiment rund 30 Prozent des erlaubten M-Wert-Gradienten erreicht. Damit bestimmst du im Kern den Startpunkt der gesamten Dekompression. Was zwischen diesem Punkt und der Oberfläche geschieht, hängt von einem anderen Wert desselben Paars ab.

Der Abstand beim Auftauchen

Der zweite Wert, GF High, bestimmt, wie nah dein Gewebe am Ende des Aufstiegs an den M-Wert heranrücken darf. Damit steuert er vor allem die letzte, flache Phase vor dem Erreichen der Oberfläche. Während GF Low den Beginn der Dekompression prägt, entscheidet GF High darüber, wie viel Inertgas-Überdruck dein Computer beim Austauchen noch akzeptiert.

Je niedriger du GF High wählst, desto größer bleibt der rechnerische Abstand zur Modellgrenze. Du hältst dich weiter von der theoretisch zulässigen Übersättigung entfernt, und das Profil verlangt typischerweise mehr Zeit in den flachen Stopps. Ein höherer GF-High-Wert lässt dagegen mehr Annäherung an den M-Wert zu. Das Ergebnis ist meist eine kürzere Dekompressionszeit, aber weniger Reserve an der Oberfläche.

Damit beschreibt dieser Wert nicht nur die Dauer eines einzelnen Stopps, sondern die grundsätzliche Sicherheitsmarge, mit der du auftauchst – unabhängig davon, wie tief der Aufstieg begonnen hat.

Wie das Profil daraus entsteht

Technischer Taucher hält an einer Bojenleine einen Dekompressionsstopp unter der Wasseroberfläche.

Eine Grenze, die sich mitbewegt

Der Tauchcomputer legt beim Aufstieg keine einzelne feste Grenze fest, sondern rechnet fortlaufend neu. GF Low markiert den Startpunkt, an dem der erste Stopp beginnt. GF High markiert den Endpunkt an der Oberfläche. Zwischen diesen beiden Werten interpoliert der Algorithmus den zulässigen Anteil des M-Wert-Gradienten entlang der gesamten Aufstiegsstrecke. Mit abnehmender Tiefe wandert die erlaubte Grenze deshalb schrittweise vom niedrigeren zum höheren Prozentsatz.

Ein Beispiel verdeutlicht das Prinzip: Bei GF 30/70 setzt der Computer den ersten Stopp, sobald das führende Kompartiment 30 % des Abstands zwischen Umgebungsdruck und M-Wert erreicht; bis zur Oberfläche lässt er dann schrittweise bis zu 70 % dieses Abstands zu. Diese Bewegung ist kein technischer Zufall, sondern folgt der Definition der Gradientenfaktoren als Prozentsatz des M-Wert-Gradienten pro Tiefe. Weil jedes Kompartiment einen eigenen M-Wert je Druck besitzt, verändert sich mit der Tiefe auch die rechnerische Bezugsgröße. Genau daraus ergibt sich die kontinuierlich wandernde Linie, entlang der der Computer das gesamte Dekompressionsprofil aufbaut.

Die Werte 30/70 dienen hier nur dazu, das Prinzip zu zeigen – eine Empfehlung sind sie nicht. Die CMAS rät für Tauchgänge mit Luft und Nitrox ausdrücklich davon ab, GF Low niedriger als GF High einzustellen: Das erzwingt tiefe Stopps, und die erhöhen mit diesen Gasen das DCS-Risiko. Sie empfiehlt gleiche Werte für Low und High zwischen 90 und 80 – mindestens 90/90, bei Risikofaktoren 85/85 oder 80/80.

Was einen Stopp wirklich verlängert

Gradientenfaktoren legen keine feste Minutenzahl für einen Stopp fest. Sie verändern die zulässige Übersättigung, gegen die dein Computer das Profil laufend neu berechnet. Eine Haltephase endet erst, wenn das führende Gewebe genug Inertgas abgegeben hat, um innerhalb der eingestellten Grenze weiter aufzusteigen.

GF High wirkt vor allem auf die flachen Stopps. Ein niedrigerer Wert verlangt mehr Entsättigung vor dem nächsten Aufstiegsschritt, wodurch besonders die letzten, flachen Stufen länger dauern. Ein höherer Wert lässt mehr Restübersättigung zu und verkürzt diese Phasen oft merklich.

GF Low verschiebt dagegen vor allem die Verteilung über die Tiefen. Ein niedrigerer Wert erzeugt frühere, tiefere Haltephasen, ohne dass sich die Gesamtzeit zwangsläufig im selben Maß ändert.

Die tatsächliche Dauer eines einzelnen Stopps hängt zusätzlich von Tiefe, Grundzeit, Aufstiegsgeschwindigkeit, Atemgas und dem jeweils führenden Gewebe ab. Bleibst du exakt auf Tiefe, sinkt die angezeigte Restzeit meist stetig; weichst du ab, kann sie wieder steigen.

Gradientenfaktoren einstellen: worauf es ankommt

Zwei Taucher planen gemeinsam einen Tauchgang mit Tauchcomputern und schriftlichem Profil.

Gradientenfaktoren einstellen statt Sicherheitsstopp verlängern

Ein Sicherheitsstopp fügt am Ende eines Tauchgangs zusätzliche Zeit in geringer Tiefe hinzu. Das kann den Inertgasabbau in dieser Phase unterstützen, verändert aber nicht die zugrunde liegende Berechnung. GF Low und GF High bleiben unverändert die Grundlage dafür, wann der Computer einen Stopp verlangt. Sie bestimmen weiterhin, wie tief der erste Dekompressionsstopp liegt und welche Aufstiegsfreigaben gelten. Der Sicherheitsstopp wirkt also additiv, nicht rückwirkend: Er schreibt die im Modell verwendeten Grenzwerte nicht um.

Bei einem Nullzeittauchgang zeigt der Computer trotz Sicherheitsstopp weiterhin keinen verpflichtenden Dekostopp an – der Stopp bleibt freiwillige Vorsicht, keine Umwandlung des Profils. Bei einem Dekompressionstauchgang kann ein Sicherheitsstopp die angezeigten Dekostopps nicht ersetzen; erst nach deren vollständiger Abarbeitung ist zusätzliche Zeit in geringer Tiefe tatsächlich eine Zeitreserve.

Daraus folgt eine klare Regel: Wer die Konservativität der Dekompression ändern will, muss vor dem Tauchgang die Gradientenfaktoren einstellen. Ein Sicherheitsstopp ist keine gleichwertige Alternative dazu.

Die Grenzen beim Einstellen der Gradientenfaktoren

Ein Gradientenfaktor von 70 heißt nicht „70 Prozent sicher“. Er sagt nur, wie viel Übersättigung das Modell im führenden Kompartiment zulässt. Deine tatsächliche Dekompressionsbelastung bildet der Computer damit nicht ab. Zwei Taucher mit identischem Profil und identischer Einstellung können unterschiedlich stark belastet sein – Alter, Erschöpfung, Flüssigkeitshaushalt, Kälte, Anstrengung, Vorerkrankungen oder ein offenes Foramen ovale fließen in die Rechnung nicht ein. Auch Fehler im Ablauf gleicht die Einstellung nicht aus: falsches Gas, verpasster Gaswechsel, unterbrochener Aufstieg oder unerwartete Anstrengung werden nicht automatisch „eingerechnet“. Selbst gleiche Zahlen auf zwei Geräten müssen nicht dasselbe Profil erzeugen, da Rundung, Stopprasterung und Modellvarianten abweichen können. Und der Abstand zwischen zwei Werten lässt sich nicht in einem messbaren Sicherheitsgewinn ausdrücken. Deshalb bleibt das Einstellen der Gradientenfaktoren ein rechnerisches Werkzeug, keine medizinische Bewertung. Ob ein Tauchgang bei Strömung, Kälte oder Unwohlsein noch vertretbar ist, entscheidest du selbst – nicht die Anzeige.

Was Low und High verschieben

Gradientenfaktoren verschieben die rechnerischen Grenzen eines Bühlmann-Algorithmus: GF Low beeinflusst den Beginn der Dekompression, GF High die zulässige Restübersättigung an der Oberfläche. Dazwischen berechnet der Computer ein abgestuftes Aufstiegsprofil. Wähle deshalb keine Werte nach Gewohnheit oder einzelnen Zahlenbeispielen. Entscheidend sind das vollständige Profil, deine Atemgase, dein Gerät, deine Ausbildung und eine konservative Planung. Wer die Gradientenfaktoren einstellen will, sollte zuerst die Logik hinter Low und High verstehen – dann lassen sich auch die Anzeigen des Tauchcomputers besser einordnen – und trifft bewusstere Entscheidungen vor dem Abtauchen.

Quellen: Divers Alert Network: Gradient Factors · CMAS: Gradient Factors (GF) and dive computers

Gesundheitlicher Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt allgemeines Erfahrungswissen aus dem Tauchsport und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Über die Tauchtauglichkeit entscheidet eine tauchmedizinisch erfahrene Ärztin oder ein entsprechend erfahrener Arzt, nicht ein Blogbeitrag. Bei Verdacht auf einen Tauchunfall zählt jede Minute: Notruf 112 wählen, die betroffene Person flach lagern und – sofern vorhanden und im Umgang damit geübt – Sauerstoff geben. Zusätzlich lässt sich die Taucher-Notrufnummer des Tauchsicherheits-Dienstes in Anspruch nehmen, bei dem die eigene Tauchversicherung besteht.

Siehe auch: Sidemount-Konfiguration: Flaschen anhängen, Schläuche führen, Trimm einstellen · Koffer packen für die Tauchreise: Gewicht, Lithium-Akkus und was ins Handgepäck muss · Tauchmaske reinigen

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